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Universitäts-Augenklinik
Geschäftsführender Ärztl. Direktor
Prof. Dr. med. Th. Reinhard

Mitteilungen aus der Klinik
Bericht über den 227. Freiburger Augenärzteabend am 01.12.2006

 

Programm
W. A. Lagrèze     
Steroide bei Sehnervenerkrankungen?
W. Berger, Zürich     Genetik der Netzhautdystrophien
C. Poloschek      Dystrophien des hinteren Augenabschnitts – Diagnostik und Patientenbetreuung
F. Staubach     Lebersche hereditäre Optikusneuropathie
C. Pieh      Chronisch progressive externe Ophthalmoplegie

Steroide bei Sehnerverkrankungen?

W. A. Lagrèze
In Deutschland sind Erkrankungen des Sehnerven sind dritthäufigste Erblindungsursache nach der Makuladegeneration und der Katarakt. Häufige Sehnervenerkrankungen sind neben dem primären Offenwinkelglaukom die Neuritis nervi optici (NNO), die anteriore ischämische Optikusneuropathie, die Stauungspapille, die traumatische Optikusneuropathie (TON), die infektiöse Papillitis, Drusenpapillen, hereditäre Optikusneuropathien sowie Entzündungen bei unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Von diesen Erkrankungen werden die NNO, die TON und autoimmun vermittelte Entzündungen häufig mit Steroiden behandelt. Während bei Autoimmunprozessen kein Zweifel am Nutzen einer Steroidgabe besteht, soll in dieser Übersicht für die NNO und TON eine Standortbestimmung durchgeführt werden. Ziel ist, die aktuelle Studienlage zur NNO und TON zusammenzufassen, um dem behandelnden Arzt Handlungskriterien an die Hand zu geben .

Neuritis nervi optici
Die NNO hat eine Inzidenz von 4 / 100 000. Der Verlauf ist typischerweise subakut und führt zu einer einseitigen Visusminderung auf im Mittel 0,25. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Charakteristisch ist retrobulbärer Schmerz bei Augenbewegungen. Die Prognose ist gut. 74% der Patienten erreichen eine Sehschärfe von ≥ 1,0, 5% behalten jedoch eine Sehschärfe zwischen 0,4 und 0,1. Trotz guter Prognose berichten Patienten, dass bestimmte Qualitäten des Sehens dauerhaft beeinträchtigt bleiben. Dies deckt sich mit dem ophthalmoskopischen Bild, welches häufig trotz guter Visuserholung eine partielle Optikusatrophie zeigt. Die Pathogenese der NNO wurde lange Zeit als autoimmune Demyelinisierung interpretiert. Aufgrund neuer Erkenntnisse hat sich jedoch das Bild der Erkrankung grundlegend gewandelt. So fanden sich in Hirnbiopsien frischer MS-Herde massive axonale Durchtrennungen und Untergang von Axonen. Dieses bestätigt sich auch in der retinalen Bildgebung. Vor zehn Jahren zeigten Steel et al., dass 94% aller NNO-Patienten in der Scanning laser-Polametrie Defekte der retinalen Nervenfaserschicht aufweisen. Auch mittels optischer Kohärenz-Tomographie fand sich nach NNO eine Ausdünnung der retinalen Nervenfaserschicht um im Mittel 30%. Das Ausmaß korreliert mit psychophysischen Parametern wie z. B. dem Farbensehen. In Augen von MS-Patienten, die keine klinisch manifeste NNO hatten, fand sich eine Ausdünnung der retinalen
Nervenfaserschicht um im Mittel 15%. Die Ausdünnung korrelierte mit dem Grad der MS-bedingten Behinderung.
Es stellt sich die Frage, welchen Einfluss verschieden Therapien auf den Erhalt oder das Absterben von Axonen haben. Medikamente neuester Generation sind Natalizumab (Tysabri®), welches 2006 zugelassen wurde und die Substanz FTY 720, welche derzeit in der klinischen Prüfungsphase III untersucht wird. Ersteres hemmt die Durchwanderung aktivierter Leukozyten durch die Blut-Hirnschranke. Die zweite Substanz hemmt deren Migration aus lymphatischem Gewebe in die Blutbahn. Neueste Studien haben gezeigt, dass Natalizumab die Schubrate nahezu doppelt so effektiv senkt wie etablierte Beta-Interferone oder Copaxone. FTY 720 zeigte in einer Phase II-Studie eine ähnliche Überlegenheit im Vergleich zu den etablierten Immunmodulatoren. Allerdings werden diese Medikamente nur zur Schubprophylaxe eingesetzt und sind solchen Patienten vorbehalten, bei denen die definitive Diagnose MS gestellt wurde. Es sei hier darauf hingewiesen, dass 2001 neue MS-Kriterien festgelegt und 2005 revidiert wurden, nach denen die Diagnose einer definitiven MS schon im zweiten Monat nach einer isolierten NNO gestellt werden kann. Unmittelbar nach dem Beginn einer NNO ohne MS können Patienten somit nur Steroide angeboten werden.
Bezüglich der Steroidtherapie bei isolierter NNO entsprechen die folgenden Studien heutigen Qualitätskriterien. Die bekannteste ist der plazebokontollierte „Optic Neuritis Treatment Trial“ (ONTT). Er zeigte, dass Patienten, welche nach einer NNO täglich 1000 mg Methylprednisolon intravenös über drei Tage gefolgt von einer oralen Ausschleichphase erhielten, eine schnellere Visuserholung aufwiesen, als Patienten, die mit Plazebo behandelt wurden. Das Visusendergebnis jedoch unterschied sich in beiden Gruppen nicht. Die zwei Jahre nach Studienbeginn auffallende Minderungen der MS-Häufigkeit bestätigte sich im weiteren Verlauf der Studie nicht. Die folgenden klinischen Studien, welche ebenfalls prospektiv, verblindet und plazebokontrolliert waren, kamen zu dem gleichen Ergebnis wie der ONTT: Gould et al.. injizierten Triamcinolon retrobulbär, Trauzettel-Klosinski et al. verordneten täglich 100 mg Methylprednisolon oral, Sjelleberg et al. täglich 500 mg Methylprednisolon oral und Wakakura et al. täglich 1000 mg Methylprednisolon intravenös. Eine weitere Studie, in der Methylprednisolon intravenös verabreicht wurde, unterschied Patienten mit kurzen und langen Demyelinisierungsarealen im Sehnerven. Hypothese war, dass entzündliche Schwellungen im Bereich des Canalis opticus auf Methylprednisolon besser ansprechen, als solche die außerhalb des Kanals liegen. Jedoch auch hier ergab sich kein Unterschied zwischen Verum und Plazebo. Zu demselben Ergebnis kommt eine systematische Übersichtsarbeit, welche 2007 in der Cochrane Library publiziert wurde: „There is no conclusive evidence of benefit in terms of recovery to normal visual acuity, visual field or contrast sensitivity with either intravenous or oral corticosteroids at the doses evaluated in trials included in this review.”.
Ausgehend von dieser Studienlage sollte man im Einzelfall mit dem Patienten diskutieren, ob er unter Inkaufnahme der Steroidnebenwirkungen eine raschere Visuserholung wünscht. Aktualität bekommt diese Nutzen-Risikoabwägung durch neuere Befunde, welche Hinweise darauf ergaben, dass Steroide möglicherweise den axonalen Schaden durch Apoptoseinduktion retinaler Ganglienzellen verstärken. So zeigten Hickman et al., dass Patienten, welche nach einer NNO Methylprednisolon intravenös erhielten, sechs Monate später retrobulbär dünnere Sehnerven aufwiesen als solche, die Plazebo erhielten. Messparameter war die Querschnittsfläche des Sehnerven im MRT. Einschränkend ist, dass diese Meßmethode bisher kein standardisiertes Verfahren zur Messung der Optikusatrophie darstellt und die Ergebnisse statistisch nicht signifikant waren (p < 0.19). Bei experimenteller Autoimmunenzephalomyelitis der Ratte wurden vergleichbare Befunde erhoben. Wenn Tiere mit NNO Steroide erhielten, überlebten nur halb soviele retinale Ganglienzellen wie in der Plazebogruppe. Allerdings stellt dieses Modell nur eine Annäherung an die MS dar und gleicht immunpathophysiologisch eher der Neuromyelitis optica (Devic-Syndrom). Weitere experimentelle und klinische Studien sind zur abschließenden Beurteilung notwendig.

Traumatische Optikusneuropathie
Ca. 3% aller Patienten mit Schädelhirntrauma erleiden eine TON. Vor ca. 15 Jahren begann man, betroffene Patienten mit einer Hochdosistherapie von ca. 10 g Methylprednisolon pro Tag zu behandeln (30 mg / kg KG im Bolus, gefolgt von 5,4 mg / kg KG stündlich). Hintergrund war, dass eine vergleichbare Erkrankung, nämlich das Rückenmarkstrauma, über lange Zeit nach o.a. Schema behandelt wurde. Es entspricht dem Protokoll der Nascis (National Acute Spinal Cord Injury Study) II-Studie. Diese ergab, dass Patienten in ihrer Sensorik und Motorik profitierten, wenn sie diese Therapie innerhalb von acht Stunden über 24 Stunden erhielten. In der NASCIS III-Studie wurde diese Therapie mit einer doppelt so langen Verabreichung verglichen. Patienten mit einer Therapie über 48 Stunden schnitten motorisch knapp besser ab. Aufgrund dieser Daten und der Häufigkeit von Schädel-Hirntrauma wurde die sog. Crash (Corticosteroid Randomization After Significant Head injury)-Studie initiiert. Eingeschlossen wurden innerhalb von acht Stunden Patienten, die nicht bei vollem Bewusstsein waren (jede Abweichung auf der Glasgow-Coma-Scale), mit Ausnahme derjenigen, bei denen Corticosteroide für klar indiziert oder kontraindiziert gehalten wurden. In der Verumgruppe erhielten die Patienten einen Bolus von 2 g Methylprednisolon, gefolgt von 0.4 g / h über 48 h. Nach Rekrutierung von 10.008 Patienten zeigte sich in einer Zwischenauswertung, dass das relative Todesrisiko in der Steroidgruppe hoch signifikant um den Faktor 1,18 erhöht war. Daraufhin wurde die weitere Rekrutierung abgebrochen und das Ergebnis publiziert. Seit dem Vorliegen dieser Ergebnisse gilt die „Höchstdosis“-Steroidtherapie bei Schädelhirntrauma als kontraindiziert, auch wenn die genaue Ursache der erhöhten Sterblichkeit bisher unklar ist. Da ca. die Hälfte aller Patienten mit TON initial bewusstlos sind und somit mit den Eingangskriterien der CRASH-Studie entsprechen, sind deren Ergebnisse für die Behandlung der TON relevant. Insgesamt liegen bisher 16 klinische Studien zur Steroidtherapie der TON vor. Keine dieser Studien ist randomisiert, womit die Aussagekraft sehr eingeschränkt ist. Eine TON-Studie von Yip et al. prüfte plazebokontrolliert den Effekt von 1000 mg Methylprednisolon intravenös. Es zeigte sich kein Unterschied im Vergleich beider Behandlungsarme.
Aufgrund der unbefriedigenden Studienlage wurde in den 90er Jahren die International optic nerve trauma study initiiert, welche weltweit retrospektiv Fälle rekrutierte. Sie fand zwischen den drei Behandlungsmodalitäten a) operative Dekompression des Canalis opticus, b) Steroidgabe sowie c) Nichthandeln keinen Unterschied. Allerdings waren die Gruppen nicht gleich gewichtet, so dass aufgrund des Studiendesigns nur eingeschränkt Aussagen möglich sind. Das Fazit dieser Studie war, dass weder Kortikosteroide noch Canalis opticus-Dekompression Bestandteil der Standardtherapie von Patienten mit TON sein sollte. Unterstrichen wird die Wirkungslosigkeit der Steroide bei TON durch die Zusammenschau vier tierexperimenteller Arbeiten. Zwei dieser Arbeiten zeigten keinen Effekt, eine Arbeit einen positiven und eine weitere Arbeit einen negativen Effekt der Steroide. In der Behandlung der traumatischen Optikusneuropathie muss daher davon ausgegangen werden, dass Steroide nicht von Nutzen sind und in sehr hoher Dosis bezüglich allgemeiner Nebenwirkungen als gefährlich einzustufen sind.
Zusammenfassung: Bei traumatischer Optikusneuropathie sollten nach neuester Studienlage keine hochdosierten Steroide verabreicht werden. Bei Neuritis nervi optici ist der Nutzen hochdosierter Steroide aufgrund neuerer Ergebnisse zunehmend fraglich, da Steroide den axonalen Schaden möglicherweise verstärken. Dies fiel jedoch in den funktionellen Parametern bisheriger klinischer Studien nicht auf und sollte Gegenstand zukünftiger Untersuchungen sein.

Genetik der Netzhautdystrophien
W. Berger, Institut für Medizinische Genetik, Universität Zürich

Die monogenen erblichen Netzhautdystrophien verursachen erhebliche Sehbehinderungen bis hin zur vollständigen Erblindung mit einer Prävalenz von 30-100 Fällen in einer Population von 100.000. Seit Beginn der neunziger Jahre, mit der Identifizierung des Rhodopsin-Gens als erstes Gen für Retinitis pigmentosa, hat die Erforschung der molekularen Ursachen erhebliche Fortschritte gemacht. Wir kennen heute mehr als 120 Gene, in denen bei Patientinnen und Patienten mit erblichen Netzhautdystrophien Mutationen nachgewiesen wurden. Darüber hinaus gibt es weitere, noch nicht identifizierte Gene. Die Vererbung der Mutationen kann autosomal dominant oder rezessiv, sowie X-chromosomal rezessiv erfolgen. Dementsprechend unterscheidet sich das Wiederholungsrisiko in den betroffenen Familien: Bei dominanter Vererbung beträgt es 50% für die Kinder von Betroffenen. Bei rezessiver Vererbung ist ein 25%-iges Wiederholungsrisiko gegeben, wobei die Eltern zwar Mutationsträger, selbst aber nicht betroffen sind. Bei der X-chromosomal rezessiven Vererbung haben 50% der männlichen Nachkommen von Mutationsträgerinnen (Konduktorinnen) ein Risiko für die Erkrankung. Die Netzhautdystrophien zeichnen sich durch eine extrem hohe genetische Heterogenität aus. Beispielsweise können Mutationen in mehr als 45 Genen zu Retinopathia pigmentosa (RP) führen, in mehr als 10 Genen zur Leber’schen kongenitalen Amaurose. Bei dominanten RP-Formen lassen sich die kausalen Mutationen in 50% der Fälle nachweisen, bei autosomal rezessiver RP in 70% der Fälle und bei der X-chromosomal-rezessiven RP in 90%. Diese enorme Heterogenität stellt eine besondere Herausforderung für die Gendiagnostik dar. Unter Umständen müssen Dutzende von Genen untersucht werden, bevor die krankheitsverursachende DNA-Veränderung (Mutation) identifiziert werden kann. Dazu gibt es neue Entwicklungen bei den diagnostischen Tests, die einen relativ hohen Durchsatz erlauben (DNA-Microarrays, bzw DNA-Mikroraster oder auch Genchips). Allerdings lassen sich damit bisher im Wesentlichen nur die Mutationen erkennen, die wiederholt auftreten. D.h. es kann nur nach bereits bekannten Mutationen gesucht werden und die Detektionsrate beträgt zwischen 30-60%. In allen anderen Fällen liegen neue Mutationen vor, die mit diesen Diagnostikverfahren nicht erfasst werden können. Neben der genetischen Heterogenität ist die klinische Variabilität ein charakteristisches Merkmal der Netzhautdystrophien. Beispielsweise führen Mutationen im ABCA4-Gen nicht immer zum klassischen Morbus Stargardt, sondern können ebenfalls zu RP führen und dies sogar innerhalb einer Familie. Zunehmend gibt es auch Hinweise dafür, dass der klinische Verlauf durch DNA-Veränderungen in anderen, so genannten modifizierenden Genen, beeinflusst werden kann. In der Zukunft werden die verbesserte Diagnostik und die Entwicklung von Therapieverfahren bei den monogenen Netzhautdystrophien im Mittelpunkt stehen.

Dystrophien des hinteren Augenabschnitts – Diagnostik und Patientenbetreuung
C. Poloschek

Netzhautdystrophien umfassen mit einer Prävalenz von ca. 1:4000 eine relativ große ophthalmologische Krankheitsgruppe, die durch Mutationen in Genen verursacht werden, welche die Struktur- oder Funktionsproteine der Photorezeptoren oder des retinalen Pigmentepithels kodieren. Die große Anzahl an Phänotypen kann man unterteilen in Stäbchen-, Zapfen- und kombinierte Dystrophien. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist eine rein zentrale versus panretinale Manifestation mit peripherem oder zentralen Beginn.
Um eine genaue differentialdiagnostische Zuordnung zu ermöglichen, ist oftmals eine detaillierte Diagnostik notwendig. Neben einer klinischen Untersuchung, die eine genaue Anamnese inklusive Erhebung eines Stammbaumes zur Identifizierung eines möglicherweise zugrundeligenden Erbgangs, Visus-, Gesichtsfeld- und Farbtests, vorderen sowie hinteren Augenabschnittsbefund umfasst, sind v.a. die Elektrophysiologie, Autofluoreszenz und teils die Fluoreszenzangiographie von Bedeutung. Viele Verdachtsdiagnosen können über eine molekulargenetische Diagnostik zum Nachweis des zugrundeliegenden Gendefekts gesichert werden. Das Ganzfeld-ERG kann panretinale Schädigungen nachweisen und hier nochmals zwischen Stäbchen-, Zapfen- oder kombinierter Pathologie unterscheiden. Im Gegensatz zum Ganzfeld-ERG liefert das multifokale ERG eine lokale Darstellung der zentralen Netzhautfunktion. Die Fundusautofluoreszenz gewinnt bei der Diagnostik von Netzhaut-Dystrophien zunehmend an Wichtigkeit z.B. als Ersatz für die invasivere Fluoreszenzangiographie, die u.U. durch den Nachweis einer sog. dark choroid richtungsweisend sein kann. Jedoch liefert auch die Autofluoreszenz bei einigen Erkrankungen wichtige objektive Zusatzinformationen (z.B. zur Erbgangdifferenzierung bei Retinitis pigmentosa). Momentan können nur wenige Dystrophien kausal behandelt werden, so z.B. über spezielle Diäten bei Atrophia gyrata oder beim Refsum Syndrom. Beim M. Stargardt sollte eine übermäßige Vitamin A Einnahme vermieden werden. Eine medikamentös induzierte Sehverbesserung läßt sich teilweise bei der Manifestation eines zystoiden Makulaödems erreichen. Viele Patienten profitieren trotz geringer Sehschärfe von einer Katarakt-Operation. Studien zur Sehverbesserung nach sub- und epiretinaler Chipimplantation werden aktuell durchgeführt. Neue Forschungsansätze lassen in Zukunft bessere Behandlungsmöglichkeiten erhoffen, so z.B. bei der Gentherapie oder lokaler Applikation von neurotrophen Faktoren. Bis dahin ist eine intensive Betreuung und Unterstützung der betroffen Patienten notwendig. Durch Anpassen von vergrößernden Sehhilfen kann die verbleibende Sehschärfe optimal genutzt werden. Ein Mobilitätstraining erleichtert den Umgang mit der eigenen Lebenssituation und trägt zur Aufrechterhaltung der Selbständigkeit bei. Sozialrechtlich ist je nach Schwere der Erkrankung die Ausstellung eines Schwerbehindertenausweises sinnvoll. Eine humangenetische Beratung ist z.B. bei bestehendem Kinderwunsch zu empfehlen. Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann u.U. die individuelle Wahrnehmung der eigenen Erkrankung erleichtern. Zudem sollte jeder Patient die Gelegenheit haben, seinen Arzt nach Diagnosestellung jederzeit als Ansprechpartner kontaktieren zu können.

Lebersche hereditäre Optikusneuropathie
F. Staubach

Die Lebersche heriditäre Optikusneuropathie (LHON) gehört zu den Erkrankungen, für die mit Einschränkungen das Dogma „Patient sieht nichts, Arzt sieht nichts“ gilt. Dies trifft bei der LHON oft zu, allerdings kann man bei Beginn der Neuropathie gelegentlich eine pathognomonische peripapilläre Mikroangiopathie sehen. Diese Veränderung lässt sich manchmal auch bei betroffenen, aber asymptomatischen Verwandten entdecken. Eine wichtige Differenzialdiagnose zur LHON stellt die typische Neuritis nervi optici (NNO) dar. In der folgenden Tabelle sind die wichtigsten Merkmale der beiden Erkrankungen miteinander verglichen.

LHON Typische NNO
Alter 15–35 (5–80) 18–45
Geschlecht M:F = 5:1 M:F = 1:4
Akuter bis subakuter Visusabfall
(Patient sieht nichts)
+ +
Arzt sieht nichts (+) (+)
Tiefpunkt 4 Monate 2 Wochen
Erholung (–) +
Beidseitigkeit (+) (–)
Schmerzen – +
Uhthoff-Phänomen + +
Retrobulbärer Sehnerv im Ultraschall       unauffällig verdickt
FAG-Leckage – (–)
MRT Kopf unauffällig unauffällig
Andere Störungen (–) (+)

Die Verdachtsdiagnose einer LHON wird mittels molekulargenetischer Diagnostik bestätigt: Man entnimmt 2 x 10 ml EDTA an einem Montag oder Dienstag. Man versendet das Blut mit einem Begleitschreiben, in dem der Fall und die Familienanamnese beschrieben sind, und einem Überweisungsschein per Post an: Molekulargenetisches Labor, Abt. für Pathophysiologie des Sehens und Neuroophthalmologie, Universitäts-Augenklinik, Röntgenweg 11, 72076 Tübingen. Die Untersuchung dauert 4 bis 6 Wochen und kostet 300 bis 450 Euro. Die Kostenübernahme ist bei der gesetzlichen Krankenkasse unproblematisch, bei der privaten Krankenversicherung sollte man einen Kostenvoranschlag genehmigen lassen. Die molekulargenetische Untersuchung kann bei positivem Befund eine Punktmutation der mitochondrialen DNA nachweisen. Die Prognose ist abhängig vom Mutationsort: Mutationen der Position 11778 haben die schlechteste Prognose, Mutationen der Position 3460 eine mittlere und Mutationen der Position 14484 die beste Prognose. Die Mutationen der mitochondrialen DNA führen zu einem fehlerhaften Ablauf der Atmungskette. Folge sind zum einen eine verminderte ATP-Produktion (→ Sistieren des Axoplasmaflusses → Mangel an Neurotrophinen), zum anderen ein vermehrter Anteil freier Radikale. Beide Phänomene können dann den Zelluntergang herbeiführen.
Die therapeutischen Möglichkeiten sind begrenzt. Eine weitere mitochondriale Schädigung durch Mitochondriengifte sollte vermieden werden; vom Genuss von Bittermandel, Obstschnäpsen oder Tabak wird abgeraten. Antioxidanzien zur Elimination freier Radikale, Atmungsketten-Stimulatoren und neuroprotektive Brimonidin-Augentropfen sind Gegenstand der Forschung. Ein denkbarer Behandlungsansatz ist die Gentherapie, bei der man sich der sog. allotypischen Expression bedient: Eine gesunde Variante des defekten Gens wird in die Kern-DNA eingeschleust und das korrekte Genprodukt findet seinen Weg ins Mitochondrium. Da die LHON nicht selten mit Herzrhythmusstörungen vergesellschaftet ist, sollte ein EKG aufgezeichnet werden. Bei Sehbehinderung werden rehabilitative Maßnahmen eingeleitet. Zur Familienplanung ist eine genetische Beratung sinnvoll. Sie berücksichtigt, dass der Erbgang nicht vom Mendel-Typ sondern maternal (mitochondrial) ist: Nur Mütter können die Erkrankung an ihre kinder weitergeben. Die Penetranz ist bei Töchtern 10% und bei Söhnen 50%.

Chronisch Progressive Externe Ophthalmoplegie (CPEO)
C. Pieh

Die CPEO ist eine mitochondriale Erkrankung, bei der es durch Enzymdefekte der Atmungskette zu einer Störung der ATP-Produktion kommt. Die Funktionseinschränkung durch den ATP-Mangel betrifft vorwiegend die extraokuläre Muskulatur. Der Grund liegt wahrscheinlich in der sich von der Skelettmuskulatur unterscheidenden Cytoarchitektur und den unterschiedlichen Muskelfasertypen. Die Störung tritt meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf. Die ersten Beschwerden entstehen in der Regel durch eine progrediente beidseitige Ptosis. Aufgrund der relativ symmetrischen Einschränkung der Augenmuskeln geben nur ca. die Hälfte aller Betroffenen im Alltag Doppelbilder an. Häufig kommt es jedoch zu einer Konvergenzschwäche, welche beim Lesen Doppelbildbeschwerden machen kann.
Die Diagnose wird oft bereits durch die typische Anamnese und Klinik gestellt. In unklaren Fällen kann eine Laktatspiegelmessung im Blut die Verdachtsdiagnose unterstützen. Im Vergleich zu Normalpersonen liegt die anaerobe Schwelle bei körperlicher Anstrengung tiefer, und es kommt zu einem starken und sehr steilen Anstieg des Laktatspiegels. Die spezifische Diagnostik erfolgt durch eine Biopsie der Skelettmuskulatur und den Nachweis von Muskelfasern, welche durch die Veränderung der Mitochondrienstruktur ‚zottig’ (ragged red fibers) erscheinen. Mittels histochemischer Untersuchungen des Biopsats können Fasern identifiziert werden, welchen es an mitochondrial kodierten Enzymen mangelt (Cytochrome-c-oxidase negative Fasern) und die kompensatorisch mit nukleär kodierten Enzymen (Succinatdehydrogenase positive Fasern) angereicht sind.
Da es sich bei der CPEO um eine Erkrankung der Mitochondrien handelt, welche in alle Zellen vorhanden sind, ist nach der Diagnosestellung, eine ausgedehnte Abklärung, vor allem des Herzens und des Nervensystems notwendig. Denn neben der isolierten CPEO unterscheidet man die CPEO plus (mit Myopathie, Herzleitungsstörung, Diabetes, Schwerhörigkeit), das Kearns-Sayre Syndrom (mit Herzblock, Retinadegeneration, Ataxie, Liquorproteinerhöhung), das MERFF Syndrom (Myoklonus-Epilepsie mit ragged red fibers) und das MELAS Syndrom (mitochondriale Enzephalomyopathie, Laktatazidose und stroke-like episodes). Am Auge kann es bei allen Formen der Ausprägung zur Retinadegeneration (Salz- und Pfefferfundus) kommen, weshalb im Rahmen der Diagnostik eine elektrophysiologische Abklärung (Ganzfeld ERG, multifokales ERG) sinnvoll ist.
Eine Kausaltherapie besteht bisher nicht. Bei starker Beeinträchtigung durch die Ptosis kann eine Brauensuspension in Erwägung gezogen werden. Jedoch ist wegen des fehlenden Bell-Phänomens und der damit verbundenen Komplikation einer Expositionskeratopathie Vorsicht geboten. Während der Progredienzphase ist eine Augenmuskeloperation nicht sinnvoll. Doppelbilder durch eine Konvergenzschwäche können durch eine Prismenlesebrille reduziert werden. Ein Therapieversuch ist die orale Verabreichung von CoEnzym Q, einem Enzym der Atmungskette, welches die ATP Produktion steigern soll. Die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch keinen Einfluss auf die klinische Symptomatik.
Die Vererbungsmodi der CPEO sind vielfältig. Am häufigsten handelt es ich um eine sporadische singuläre Deletion der mitochondrialen DNA, welche in der Regel nicht weitervererbt wird. Die seltener auftretenden Punktmutationen der mitochondrialen DNA werden entsprechend des mitochondrialen Erbgangs maternal vererbt. Da die Atmungskette jedoch nicht nur mitochondrial kodierte Enzyme enthält, sondern auch solche, die von der nukleären DNA kodiert werden, kann eine durch diese Enzyme ausgelöste CPEO autosomal dominant oder rezessiv vererbt werden.
Der klinische Schweregrad und somit auch die Prognose sind abhängig vom Anteil der mutierten mitochondrialen DNA im jeweiligen Gewebe (Heteroplasmiegrad), der zwischen 20 und 90% liegen kann. Das Kearns-Sayre Syndrom mit kardialer Beteiligung endet zumeist tödlich.

unterer Abschluss
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