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Paradigmenwechsel. Zum Thema „Knochentransplantation —Goldstandard zur Rekonstruktion?" zeigte Prof. Dr. Dr. Rainer Schmelzeisen, Freiburg, den heutigen Wis-sensstand bei der Knochenrekonstruktion auf Die Bemühungen der Schaffung regenerativer Maßnah-men in der dentoalveolären Chirurgie ohne das Risiko der Kompli-kation an einer Entnahmestelle sind vielseitig. Auf die Transplantation des eigenen Knochens kann aber heute noch nicht verzichtet werden. Als Antwort auf den Paradigmen-wechsel bei der Knochentransplantation hatte Prof. Schmelzeisen nur eine Antwort: Die Veränderung der Leitsätze hat erst dann stattgefunden, wenn die Innovationen und Erfahrungen der Wissenschaft in den Praxen umgesetzt werde.

Weisheitszahn. „Ist eine prophylaktische Antibiose bei operativer Weisheitszahnentfernung erforderlich?" fragte Prof. Dr. Dr. Jörg-Elard Otten, Freiburg. Postoperative Entzündungen machen über ein Drittel der auftretenden Komplikationen nach operativer Entfernung der Weisheitszähne aus. Die geführte Diskussion zum Thema erscheint häufig kontrovers, wobei ein allgemein gültiger Leitsatz nicht existiert. Bei der Frage nach der prophylaktischen Antibiose geht es vielmehr darum, eine mögliche Risikoklientel zu identifizieren. Hierbei sind in erster Linie allgemeinmedizinische Komplikationen zu nennen. Bei Risikopatienten sollte eine ausreichende Dosis als Einmalgabe präoperativ erfolgen. Nach wie vor stellt Penizillin V die wirtschaftlichste Alternative, bei gleichzeitig sehr guter Abdeckung des entsprechenden Keimspektrums, dar.

Röntgen. Der aktuelle Stand in der Röntgentechnik und Diagnostik war das Thema des Beitrages von Dr. Dirk Schulze aus Freiburg. „Ist die konventionelle Röntgen-diagnostik noch zu rechtfertigen?" Die Antwort war ein klares „Ja". Neuerungen in der Art des Speichermediums sind zunächst einmal sekundär. Orthopantomogramm und Zahnfilm stellen nach wie vor die Basis der zahnärztlichen Rönt-gendiagnostik dar. Der Wandel zur digitalen Technik ist aber in vollem Gange und verändert dementsprechend Bedingungen und Möglichkeiten in der Röntgendiagnostik. Angefangen von einem veränder-ten Handling der digitalen Bilder (wir alle kennen das intuitive Plat-zieren des Bildes vor einem hellen Hintergrund), bis hin zu den Bear-beitungs-/Manipulationsmöglichkeiten, Archivierung und Fragen des Datenschutzes bedarf es eines Umdenkens. Noch größere Ver-änderungen wird die weitere Entwicklung und Verbreitung dreidi-mensionaler Bildgebungsverfahren bringen.

Festvortrag. Der Festvortrag von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Ulm, ging der häufig gestellten Frage „Macht Fernsehen dumm?" aus Sicht des Psychiaters, Psychologen und Neurobiologen nach. Er hielt .Dr. Ulrich Shlhf 6/2006 ZBW

30 i Landeszahnärztekannmer einen 60-minütigen Crashkurs über Neurophysiologie und die Prinzi-pien des Lernens ab. Prof. Spitzer zeichnete ein auf soziologischen Studien und Verhaltensforschung basiertes, düsteres Bild des Einflusses des Fernsehens auf die Gehirnentwicklung bei Kindern. Allein schon die Art seines brillanten Vortrages machte es für die Zuhörer begreifbar, wie wichtig das Anspre-chen verschiedener Sinne für das Lernen ist. Erst ihre Kombination ermöglicht die geistige Entfaltung eines Individuums.

Rekonstruktion. Die 31. Schwarzwaldtagung überprüfte weitere Fachgebiete auf den Paradigmenwechsel hin. Aus dem Bereich der Parodontologie berichtete PD Dr. Michael Christgau, Düsseldorf, über „Die tiefe parodontale Tasche — ist die direkte Rekonstruktion noch zeitgerecht?" In seiner ausführlichen Zusammenfassung über die heute gängigen regenerativen Verfahren stellte er interessante Möglichkeiten der parodontalen Rehabilitation vor. Neben der klassischen GTR zeigen Verfahren mit Schmelzmatrixproteinen sowie die kombinierte Anwendung der Rekonstruktion mit autologen und xenogenen Materialen klinische Erfolge. Dennoch konnte bis zum heutigen Tag keine histologischen gesicherten Daten einer parodontalen Regeneration erhoben werden, weshalb auch in diesen Fällen von einer Reparation ausgegangen werden muss.

Plaquehypothese. „Ein sauberer Zahn wird nicht krank?" fragte im Anschluss Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf, Würzburg. Der heutige Stand der Wissenschaft basiert auf der unspezifischen Plaquehypothese. ist die Annahme aber soweit verallgemeinerbar, dass man bakterielle Zahnbeläge per se als pathologisch betrachten kann? Das Auftreten von Belägen steht eindeutig in keinem linearen Bezug zum Auftreten von Karies und Parodontitis. In verschiedenen Studien wurde gezeigt, dass ein Verbesserung zwar eine Gingivitis eliminieren, jedoch vor allem bei Risikopatienten die Entstehung einer Parodontitis nicht verhindern kann. In seinem Vortrag „Apikale Läsion — ein zwingender Grund zur WSR?" unterstrich Prof. Dr. Detlef Heidemann, Frankfurt, dass die apikale Läsion immer eine Folge einer Pulpennekrose ist. Somit ist als Ursache einer apikalen Läsion die unzureichende Aufbereitung der Kanäle zu sehen. Eine Wurzel-spitzenresektion ohne suffiziente Aufbereitung widerspricht demnach dem Prinzip der Ursachenbeseitigung. Die Indikationsstellung zur WSR muss somit in einen Gesamtkontext gestellt werden und kann erst nach Durchführung einer Revision der Wurzelfüllung erfolgen.

 

Risikoanalyse. Dr. Karl-Thomas Wrbas aus Freiburg diskutierte die Frage „Ist der Stiftkernaufbau noch aktuell?", so der Titel seines Vortrages. Den Schwerpunkt legte er auf den Vergleich der zahlrei-chen Glasfaserstiftsysteme zu gegossenen Stiftkernaufbauten. An Hand verschiedener Studien konn-te er zeigen, dass es zwar nicht zu besseren Retentionswerten des Stiftes kommt, das dem Zahn entsprechende Elastizitätsmodul der Glasfaserstifte die Prognose einer Restauration aber verbessert. Eine Indikation für gegossene Stiftkern-aufbauten besteht nach wie vor, wenn keine absolute Trockenle-gung des Stumpfes möglich ist. Das Sprichwort „Most Dentistry is Re-Dentistry" sei Tatsache, machte Prof. Dr. Thomas Attin aus Zürich deutlich. Attin beschrieb in seinem Vortrag „Möglichkeiten und Grenzen von Korrekturmaßnahmen von defekten Restaurationen". Dementsprechend ist bei enger Indikationsstellung die Reparatur einer Restauration eine Zahnhartsubstanz schonende und wirtschaftliche Therapiemönlichkeit.

Der überaus kritische Anspruch des Tagungsthemas wurde auch im folgenden Beitrag deutlich: „Ist die prophylaktische Weisheitszahn-entfernung noch zeitgemäß?" fragte Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Neukam aus Erlangen. Auf der Basis von zahlreichen Studien über die Prävalenz pathologischer Prozesse der Weisheitszähne wurde an seiner Klinik ein Konzept zur Entfernung von Weisheitszähnen erarbeitet, demzufolge präoperativ immer eine differenzierte Kosten-Nutzen Analyse erfolgen sollte. Des Wei-teren werden die dritten Molaren nicht vor dem 14. Lebensjahr entfernt. Auch in der Altersspanne von 14 bis 18 stellen sie ein Reservoir für mögliche Keimtransplantationen dar. Erst danach kann eine operative Entfernung nach sorgfältiger Risikoanalyse in Betracht gezogen werden. Mit zunehmendem Lebensalter stellt die deutlich erhöhte Gefahr von postoperativen Komplikationen einen wesentlichen Faktor ZBW 6/2006

Landeszahnärztekammer 31 bei der Entscheidung über einen Eingriff dar. Prof. Dr. Jens Türp, Basel, stellte als folgenden Beitrag die Frage nach „okklusalen Faktoren als Auslöser kraniomandibulärer Dysfunktionen" in den Raum. In seinen unterhaltsamen Ausführungen führte er den Zuhörenden nicht nur vor Augen, wie träge sich der menschliche Verstand zeigen kann, wenn es darum geht, ein altes Paradigma aufzugeben. Sondern er konnte auch aufzeigen, wie sich die Einschätzung einer Malokklusion als auslösender Faktor einer Funktionsstörung ändern kann. Die Variationen der Norm stellen den weitaus größeren Anteil der existie-renden Okklusionsmuster dar. Eine therapeutische Intervention sollte sich somit immer am bestehenden Beschwerdebild orientieren.

Die Cadeutung des okklusalen Konzeptes in der Totalprothetik war Thema des Vortrages von PD Dr. Guido Heydecke, Freiburg. Die besondere Herausforderung dieses Themas ist eine vergleichende Be-wertung der verschiedenen Okklu-sionskonzepte. Pathologische Veränderungen, wie Myoarthropathien oder Schlotterkamm als Bewer-tungskriterien stellen häufig nicht ausreichende Parameter dar. Aus diesem Grund wurde die Benotung unterschiedlicher Okklusionsformen in der Totalprothetik anhand von Patientenzufriedenheitsstudien erstellt. Als Fazit zeigten sich lin-gualisierte und balancierte Konzepte mit anatomischer oder Eckzahnführung überlegen. In Vertretung für Prof. Dr. Müßig referierte Dr. Ilan Golan, Regens burg, zum Thema „Beeinflusst die kieferorthopädische Behandlung Erwachsener deren Zahnerhalt negativ?" In seiner differenzierten Betrachtung arbeitete er deutlich die Unterschiede der Behandlung Erwachsener im Vergleich zur Kin-derbehandlung heraus. Nicht nur die Behandlungsvoraussetzungen wie das abgeschlossene Größen-wachstum und ggf. schon bestehende pathologische Veränderungen des Gebisses sind unterschiedliche Parameter der Behandlung. Auch andere Behandlungsmotivationen, wie Ästhetik und Traumata oder eine eingeschränkte Funktion, müssen in die Behandlungsplanung einfließen. Sein Fazit: Der andere Anspruch des erwachsenen Patien-ten, die erschwerten Bedingungen bei bestehenden Vorschädigungen, als auch die verlängerte Behand-lungsdauer macht eine genauere Planung und Dokumentation des Verlaufes notwendig, bedingt aber keine negative Beeinflussung des Zahnerhaltes. Den würdigen Abschluss der Überprüfung der alten Leitsätze bildete der Vortrag von Prof. Dr. Dr. Gernot Göz, Tübingen, zur Fra-ge, „Sind kieferorthopädische Ex-traktionen aus heutiger sicht noch zeitgemäß?". Prof. Göz präsentier-te eine aufschlussreiche Übersicht der prophylaktischen Extraktion in der Geschichte der Kieferorthopä-die. Der Vergleich konnte deutlich aufzeigen, dass nach wie vor sehr erfolgreiche Konzepte bestehen, die aber auch immer von Trend-entwicklungen beeinflusst sind. Als Konklusion verdeutliche er, dass die Kieferorthopädie nicht grund-sätzlich ohne eine therapeutische Extraktion zur Kompensation von Missverhältnissen auskommt. Die Indikation sollte aber vorsichtiger denn je gestellt werden. Nach dieser umfassenden Reflektion der alten Paradigmen zog Prof. Krekeler eine zufriedene Bilanz einer erfolgreichen, aussagekräfti-gen Tagung. Er verabschiedete das Auditorium mit einem Ausblick auf die nächste Schwarzwaldtagung die, sich mit Qualitätsmanagement in der Praxis auseinandersetzen wird. Hans-Christian Lux

 

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