(4.2.2009) Welchen Einfluss hat die Ernährung auf unsere Gesundheit? Wie sieht eine gesunde Ernährung aus? Was sollte man auf gar keinen Fall essen? Lesen Sie hierzu ein Interview mit Prof. Dr. Dr. Karin Michels.
Ein Interview mit Prof. Dr. Dr. Karin Michels, Leiterin der Tumorepidemiologie des Universitätsklinikums Freiburg
Von Benjamin Waschow
amPuls-online:Hat die Ernährung Einfluss darauf, ob wir an Krebs erkranken oder an einem Herzinfarkt sterben?
Professorin Karin Michels: Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielt die Ernährung eine sehr große Rolle, das ist nachgewiesen; bei Krebserkrankungen weniger, als wir angenommen hatten.
amPuls-online: Gehen wir einfach mal ins Detail: Welche Rolle spielen Fette für die Gesundheit? Ist nun beispielsweise Margarine oder Butter gesünder?
Professorin Karin Michels: Im Fall von Margarine oder Butter gingen die Meinungen ein paar Jahre hin und her. Butter ist nicht gesund, da sie einen hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren enthält, was für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ungünstig ist. Die Margarine allerdings, so hat sich herausgestellt, enthält ein anderes Fett, das noch ungesünder ist als die gesättigten Fettsäuren, und zwar das Transfett. Transfettsäuren entstehen durch den Härtungsprozess der flüssigen Öle. Da wir nun wissen, dass diese Transfette in der Margarine enthalten sind, würde ich sagen: wenn schon, dann doch lieber Butter. Besser wäre aber, beide zu vemeiden und sich nur von pflanzlichen Ölen zu ernähren. Insbesondere das Olivenöl ist hier hervorzuheben. Statt sich Butter aufs Brot zu schmieren, kann man das Brot in Olivenöl tunken, das machen beispielsweise die Italiener sehr gerne.
amPuls-online: Kann man auch andere Öle, zum Beispiel Rapsöl nehmen oder sollte es Olivenöl sein?
Professorin Karin Michels: Olivenöl hat eine besonders gute Zusammensetzung von einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die sich besonders günstig auf das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken. Aber Rapsöl und andere pflanzliche Öle sind auch sehr gesund. Die einzigen pflanzlichen Öle, die man meiden sollte, sind die tropischen Fette wie Kokosfett und Palmöl. Die sind natürlich gehärtet, das heißt, sie sind schon im Naturzustand hart und haben einen hohen Anteil an gesättigten Fetten.
amPuls-online: Sollte man möglichst viele Getreide zu sich nehmen oder lieber viel Obst und Gemüse?
Professorin Karin Michels: Obst und Gemüse sind das Beste, was man überhaupt zu sich nehmen kann. Von allen Ernährungsmöglichkeiten ist eine Ernährung, die reich an Obst und Gemüse ist, am meisten zu empfehlen, zusammen mit den pflanzlichen Ölen. Zumal die pflanzlichen Öle auch die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine aus Obst und Gemüse begünstigen. So wie bei den Fetten gibt es auch bei den Kohlenhydraten gute und schlechte. Vollkornprodukte sind hier besonders hervorzuheben, die sollten in einer gesunden Ernährung nicht fehlen. Produkte aus Weißmehl und Zucker sollten dagegen weitgehend gemieden werden, sie begünstigen Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
amPuls-online: Ein heiß diskutiertes Thema ist Fleisch. Was darf man denn an Fleisch essen, wenn man sich möglichst gesund ernähren möchte. Darf man überhaupt Fleisch essen?
Professorin Karin Michels: Rotes Fleisch hat keinen Gesundheitswert für die Ernährung. Man kann ohne Weiteres darauf verzichten. Rotes Fleisch begünstigt die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einiger Krebsarten wie zum Beispiel des Dickdarmkarzinoms. Vegetarier haben eine höhere Lebenserwartung und weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Daher sollte rotes Fleisch auf keinen Fall jeden Tag verzehrt werden. Wenn Fleisch, dann besser Geflügel oder noch besser Fisch.
amPuls-online: Also ganz vegetarisch zu leben ist demnach am gesündesten, dass heißt, auch keinen Fisch essen?
Professorin Karin Michels: Fisch ist sehr zu empfehlen und ein Vegetarier der Fisch isst, ist wahrscheinlich besser dran als ein Vegetarier, der keinen Fisch isst. Man sollte möglichst Fisch essen, der einen hohen Gehalt der guten Omega-3-Fettsäuren hat, wie zum Beispiel der Lachs. Wenn jemand keinen Fisch mag, können diese Omega-3-Fettsäuren auch über Fischölkapseln aufgenommen werden.
amPuls-online: Was ist mit Eisen?
Professorin Karin Michels: Man muss zwei Sorten von Eisen unterscheiden: Eisen von tierischen Produkten und Eisen von pflanzlichen Produkten. Unser Körper braucht in der Tat Eisen, aber das pflanzliche Eisen ist das gesunde. Leider ist das pflanzliche Eisen schlechter verwertbar, das heisst es wird schlechter vom Körper aufgenommen. Das Eisen von tierischen Produkten wird zwar besser verwertet, aber es begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen und man sollte davon nicht zu viel zu sich nehmen.
amPuls-online: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt ein Gläschen Wein am Abend. Welchen Einfluss hat Alkohol auf Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Professorin Karin Michels: Mit dem Alkohol ist es ein etwas zweischneidiges Schwert. Zum einen ist ganz eindeutig nachgewiesen, dass Alkohol die Ablagerungen in den Herzkrankgefäßen vermindert und daher einem Herzinfarkt vorbeugen kann. Andererseits muss man aber ganz klar sehen, dass Alkohol das Risiko für die meisten Krebsarten erhöht. Das bezieht sich auf das Dickdarmkarzinom, auf das Magenkarzinom, auf Brustkrebs, und andere Krebsarten. Beim Brustkrebs erhöht bereits ein Glas Wein am Tag das Risiko um 10 Prozent bis 20 Prozent. Von daher sollte man dabei ein bisschen auf die familiäre Vorbelastung achten und sich danach richten. Aber Alkohol ist sowieso eine Sache, bei der jeder seine eigene Präferenz hat und sich selbst entscheidet. Also Alkohol kann nicht uneingeschränkt empfohlen oder abgelehnt werden.
amPuls-online: Milch gilt unangefochten als gesundes Nahrungsmittel. Stimmt das?
Professorin Karin Michels: Das stimmt meines Erachtens nicht. Die Milch, die wir heute trinken ist nicht mehr die Milch, die unsere Grosseltern vor hundert Jahren getrunken haben. Die Produktion hat sich geändert und um die Effizienz zu steigern sind die Kühe heute fast immer schwanger, wenn sie laktieren, was eigentlich nicht normal ist. Damit gelangen die Schwangerschaftshormone in die Milch und die trinken wir dann. Wir trinken also grössere Mengen an Östrogenen und Progesteronen, und diese Hormone begünstigen die Entstehung vieler Krebsarten, insbesondere von Brustkrebs, Ovarialkarzinom, Endometriumkarzinom und Prostatakrebs. Von daher wäre ich sehr vorsichtig mit Milchkonsum. Wir machen gerade eine Studie, um den Einfluss der Kuhmilch genauer zu untersuchen. Ausserdem ist Kuhmilch den Bedürfnissen von Kalbern angepasst und die Zusammensetzung ist ganz anders als die der Muttermilch und auch deshalb für den Menschen ungünstig. Die häufige Aussage, dass wir das Kalzium der Milch brauchen stimmt auch nicht, da wir Kalzium über andere Nahrungsmittel zu uns nehmen können. Ich würde deshalb sagen, dass Milch nur in reduzierten Maßen genossen werden sollte – wenn überhaupt.
amPuls-online: Wie sieht denn nun eine gesunde Ernährung aus?
Prof. Dr. Dr. Karin Michels: Obst und Gemüse stehen an erster Stelle, zusammen mit pflanzlichen Ölen, Vollkornprodukten, und Fisch. Was auch noch sehr gesund ist, sind beispielsweise Nüsse. Nüsse haben eine ganz ausgezeichnete Zusammensetzung von hochwertigen Fetten und Proteinen. Nüsse können beispielsweise in sehr viel gesünderer Form die Fette und Proteine ersetzen, die man andernfalls vielleicht über Fleisch zu sich nehmen würde. Andere gesunde Nahrungsmittel sind die Hülsenfrüchte, die auch hochwertige Proteine und viele Ballaststoffe haben, und sehr oft in der Ernährung vernachlässigt werden. Wenn man das alles zusammennimmt, kommt man auf eine vollwertige Ernährung, ohne auf Fleisch und Milchprodukte zurückgreifen zu müssen.
amPuls-online: Vielen Dank für dieses Gespräch.