spac
spacmenufooter
spacer
spacer
spac

Todesfalle Kloß im Hals

(30.6.2010) Es passiert plötzlich und völlig unerwartet: Ein Moment der Unachtsamkeit und schon bleibt ein Stück Essen im Hals stecken. Was tun, wenn Rückenklopfen dann nicht hilft?

(bw) Die Unterhaltung war anregend, der Wein gut und das Essen schmeckte auch – für Gisela und Ernst B. sah alles nach einem schönen Abend auf der heimischen Terasse aus. Auch als sich Ernst B. an einem Stück Fleisch verschluckte und heftig zu husten begann, dachte Gisela B., dass mit ein paar leichten Schlägen auf den Rücken ihres Mannes der harmonische Abend weitergehen würde. Doch alles Rückenklopfen half nichts und binnen Sekunden befand sich Ernst B. in einem Todeskampf, den er nicht gewann.

Ersticken an Essen ist eine Todesart, die häufiger vorkommt, als man denkt: Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2008 allein in Deutschland 615 Menschen aufgrund einer „Obstruktion der Atemwege oder dem Verschlucken von Nahrungsmitteln“. Dabei sterben viele Opfer gar nicht durch Ersticken, sondern durch den so genannten Bolustod. Hierbei tritt ein reflektorischer Herz-Kreislauf-Stillstand ein. Dieser wird durch Reizung der empfindlichen Nervengeflechte des Rachens oder des Kehlkopfes ausgelöst.

Besonders gefährdet sind Kleinkinder, die allzu große Bissen runterschlingen oder nicht-essbare Gegenstände verschlucken. Wie bei dem fiktiven Ehepaar oben kann es jeden in einem Moment der Unachtsamkeit treffen. Da die meisten Fälle beim Essen geschehen, werden sie von potentiellen Helfern beobachtet. Die Frage ist, wie man richtig reagiert, wenn der Tischnachbar plötzlich keine Luft mehr bekommt.

Fremdkörper können eine milde oder schwere Atemwegsobstruktion verursachen. Eine milde Obstruktion liegt vor, wenn der Betroffene noch husten, sprechen und atmen kann. Diese Personen sollten weiter ermuntert werden zu husten, da Husten der effektivste Mechanismus ist, Fremdkörper aus den Atemwegen zu entfernen. Liegen Zeichen einer schweren Atemwegsobstruktion vor, bei der der Betroffene unfähig ist zu sprechen, „stille“ Hustenversuche unternimmt und eine keuchende Atmung hat sollte sich der Helfer seitlich vom Betroffenen stellen, mit einer Hand die Brust des nach vorn übergebeugten Betroffenen stützen und mit dem Handballen der anderen Hand bis zu fünf kräftige Rückenschläge zwischen die Schulterblätter verabreichen.

„Die richtige Entscheidung bei der schweren Atmewegsverlegung ist erstmal das klassische Rückenklopfen, also kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter“, so Dr. Axel Schmutz, Anästhesist am Universitätsklinikum Freiburg. „Dabei muss man darauf achten, dass der Oberkörper des Betroffenen nach unten gebeugt ist“, erläutert der Notfallmediziner, „ansonsten kann es passieren, dass der Fremdkörper noch weiter in die Atemwege eindringt.“ In etwa 50 Prozent der Fälle kann die Atemwegsverlegung nicht durch eine einzige Maßnahme beseitigt werden. Wenn Rückenschläge nicht erfolgreich sind, gibt es noch eine alternative Möglichkeit, die Hilfe verspricht, das so genannte Heimlich-Manöver, benannt nach seinem Erfinder, dem US-amerikanischen Thoraxchirurgen Henry J. Heimlich.

Dabei wird durch eine Kompression des Bauchraums versucht, den Fremdkörper durch den entstandenen Überdruck aus den Atemwegen zu befördern. Die Arme des Helfers umfassen dabei den Oberbauch des Betroffenen von hinten. Der Helfer bildet mit einer Hand eine Faust und legt sie zwischen Bauchnabel und Brustbeinende an. Mit der anderen Hand umgreift er die Faust und zieht sie dann ruckartig kräftig nach innen und oben. „Ziel ist es, den Fremdkörper durch die abdominelle Druckerhöhung aus den Atemwegen zu befördern“, erklärt Dr. Schmutz.

„Dieses Manöver kann man bis zu fünfmal wiederholen. Bei Erfolglosigkeit sollten abwechseln fünf Rückenschläge und fünf abdominelle Kompressionen verabreicht werden. Wird der Patient bewusstlos sollte man Thoraxkompressionen wie bei der Reanimation verabreichen. “ Das blinde Auswischen des Mundes mit dem Finger wird nicht empfohlen, Fallberichte dokumentierten dabei Verletzungen von Helfer und Opfer.

Die Anwendung des Heimlich-Manövers wird immer wieder kritisch diskutiert. Zuletzt warnte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vor der Anwendung des Heimlich-Handgriffes. „Es ist richtig, dass es in Einzelfällen zu inneren Verletzungen wie beispielsweise Magen-, Milz- oder Lebereinrissen gekommen ist“, sagt Dr. Schmutz. Alle Massnahmen wie Rückenschläge, abdominelle Kompressionen und Thoraxkompressionen können schwere Verletzungen hervorrufen und die Atemwegsverlegung verschlimmern. Daher sind sie nur bei der schweren Atemwegsverlegung angebracht.

„Angesichts der akuten Lebensgefahr muss man diese Risiken jedoch in Kauf nehmen. Die Regel lautet: Bei der schweren Atemwegsverlegung, bei der der Patient nicht mehr husten oder sprechen kann zuerst kräftige Rückenschläge und erst wenn das nichts hilft, das Heimlich-Manöver starten.“

                                                                                                                                zurück...