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Fortbildung für die globale Welt


(06.03.2012) Hunderte asiatischer Therapeuten und Ärzte profitierten bereits von den Kenntnissen ihrer westlichen Kollegen. Freiburger Psychosomatik trägt ihr Wissen jetzt nach Afrika

Globalisierung und seelische Gesundheit hängen eng zusammen. Professor Michael Wirsching, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Klinik Freiburg, fragte seine Zuhörer in einer öffentlichen Vorlesung deshalb provokativ: „Sind denn alle verrückt geworden?“ Unbestritten nehmen psychosomatische Erkrankungen – also Körperbeschwerden ohne körperlichen Befund – wie Angst, Erschöpfung oder Depression nicht nur in den westlichen Ländern, sondern weltweit zu. „Die Belastung der Einzelnen im Globalisierungsrad ist enorm“, sagt Wirsching. Als krankheitsauslösende Faktoren nennt er zum Beispiel ökonomischen Druck, Arbeitsverdichtung, vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf durch den Verlust der Arbeitsstelle oder das Gefühl des Ausgebranntseins.

Während in Deutschland genügend Mediziner für die psychosomatische Grundversorgung der Bevölkerung ausgebildet sind, sieht es in anderen Ländern ganz anders aus. Zum Beispiel in China, wo das Problem längst erkannt wurde. Dort fehlen aktuell 600 000 Ärztinnen und Ärzte, die sich auf psychosomatische Krankheitsbilder spezialisiert haben. Die Chinesen gehen die Lösung pragmatisch an: Sie holen sich Hilfe aus dem Westen. Und da die Universitätsklinik Freiburg – neben München und Heidelberg – eine der drei Hochburgen der Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland ist, steht die Abteilung von Professor Michael Wirsching seit zehn Jahren asiatischen Ärzten und Psychologen in der Weiterbildung zur Seite.

Die deutschen Dozenten, Ärzte und Psychologen bieten in Kooperation mit inzwischen zahlreichen Partneruniversitäten vor Ort vielfältige Lehrangebote, Seminare und Trainingskurse für ihre dortigen Kolleginnen und Kollegen – und sie forschen außerdem im interkulturellen Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Die transkulturelle Auseinandersetzung stellt einen wichtigen Faktor in der Nachhaltigkeit der Projekte sowie auch eine ihrer größten Herausforderungen dar. Die Projekte laufen im sogenannten „Asia-Link-Programm“ zusammen, das von 2005 bis 2008 von der EU finanziell unterstützt wurde. Ziel ist es, Ärzten an Universitätskliniken in China, Vietnam, Kambodscha und Laos Kenntnisse in psychosomatischer Grundversorgung zu vermitteln und sie als Dozierende in diesem Fachgebiet auszubilden. Derzeit baut die Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie im Rahmen von „Asia-Link“ sowie mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung weitere Kooperationen mit Partnern in China, Vietnam und Iran auf. Zwei Projekte für Laos und Uganda sind in der Vorbereitungsphase.

In allen diesen Ländern sind die Bereiche Gesundheit und Mental Health noch Neuland. Aber es gibt ein großes Interesse an diesen Themen, sagt die Freiburger Psychologin Dr. Nayeong Ko, Projektkoodinatorin für „International Mental Health Research“ in der Abteilung von Professor Wirsching. Besonders stolz sind Wirsching und Ko auf die Partnerschaft mit der Freiburger Partnerstadt Isfahan im Iran. Und ganz aktuell ist eine Zusammenarbeit mit Afrika in Gang gekommen.

In Uganda wollen Wirsching und Ko mit ihrem Team ebenfalls dauerhafte Strukturen für die Weiterbildung von Ärzten in der Psychosomatik aufbauen. Gefördert wird das Projekt mit 1,5 Millionen Euro von der Europäischen Union, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Afrika ist gleichermaßen Experiment wie Herausforderung für Wirsching und sein Team, weil dort vor allem Armutskrankheiten und die hohe Sterblichkeit von Müttern und Kindern Thema sind.

Trainingskurs
Die Weiterbildungen der Freiburger
Psychosomatik werden von den Kolleginnen
und Kollegen vor Ort sehr gut
angenommen

Foto: Universitätsklinikum Freiburg  

In China ist man schon weiter. Dort wurde an der Universität Tongji gemeinsam mit dem Freiburger Team der erste Masterstudiengang „Psychosomatik“ auf den Weg gebracht. Ein deutsches Lehrbuch ist bereits auf Chinesisch erschienen. Die deutschen Curricula sind gut zu übersetzen und kulturell zu übertragen. „So trägt die Uniklinik etwas in die Welt“, freut sich Michael Wirsching, der auch Auslandsbeauftragter des Universitätsklinikums ist. Aber er betont auch ganz grundsätzlich: „Wir kommen weder mit vorgefertigten Konzepten noch als Weltbeglücker.Sondern wir müssen einen kulturellen Transfer finden.“

Für die Weiterbildung der Ärzte im Ausland gibt es viele gute Gründe, denn die Folgen der Globalisierung sind überall zu spüren. Patienten in asiatischen oder afrikanischen Ländern gehen zwar mit den gleichen Krankheitsbildern wie im Westen zum Arzt. Doch in ihrer Heimat erkennen die Mediziner aufgrund der mangelnden bis gar nicht vorhandenen Ausbildung in Psychosomatik die Symptome oft nicht. Inzwischen haben Wirsching und sein Projektteam, zu dem auch Professor Dr. Kurt Fritsche (China) und Dr. Peter Scheib (Vietnam) gehören, mehrere hundert Ärzte, Psychologen und Psychiater in Asien weitergebildet, die nun selbst als Multiplikatoren ihr Wissen an Kolleginnen und Kollegen weitergeben.

Die Kurse, die vom Universitätsklinikum Freiburg angeboten werden, sind praxisorientiert. In Übungen und Live-Konsultationen lernen die Ärzte Fälle zu bearbeiten. Die Weiterbildung in ihren Heimatländern beinhaltet insbesondere folgende drei Schwerpunkte: Die Mediziner können eine Störung adäquat erkennen; sie sind in der Lage, grundlegende Hilfen zu geben; und sie wissen, wie sie mit vorhandenen Strukturen kooperieren können.
Professor Michael Wirsching findet es interessant, wie psychologisch ähnlich sich die Menschen auf der ganzen Welt letztlich sind. Für beide Seiten sei die Begegnung deshalb eine „enorm anregende und herzöffnende Erfahrung“.

Kontakt

Prof. Dr. Michael Wirsching,
Ärztl. Direktor und Auslandsbeauftragter,
E-Mail: michael.wirsching@uniklinik-freiburg.de,
Tel.: 07 61/2 70-6 80 50
Homepage:www.uniklinik-freiburg.de/psychosomatik/live/patientenversorgung/werwirsind.html










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