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„Unser Gehirn nimmt mehr wahr als uns bewusst ist“
(14.10.2011) Wie ermöglicht das Gehirn Einfühlung und intuitives Verstehen? Im amPuls-Interview erklärt Prof. Dr. Joachim Bauer die „Neurobiologischen Korrelate der zwischenmenschlichen Beziehung“ und spricht unter anderem über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Fähigkeit sich einzufühlen.
Spezialisierte Nervenzellen unseres Gehirns
lassen uns einen Teil von dem fühlen was ein
anderer Mensch denkt, fühlt oder beabsichtigt
(Foto: Fotolia)
Herr Professor Bauer, Ihre Tagung befasst sich mit den „neurobiologischen Korrelaten der zwischenmenschlichen Beziehung“. Was passiert, wenn sich zwei Menschen begegnen?
Prof. Bauer: Es passiert mehr als uns bewusst ist. Eine Begegnung zwischen zwei Menschen beschränkt sich nicht darauf, dass unsere Augen den anderen sehen, unsere Ohren ihn hören oder unsere Tastorgane ihn fühlen. Zusätzlich passiert etwas Entscheidendes: Spezialisierte Nervenzellen unseres Gehirns lassen uns einen Teil von dem fühlen was ein anderer Mensch denkt, fühlt oder beabsichtigt.
Handelt es sich hier also um Nervenzellen für Telepathie?
Bauer: Mit Telepathie oder Magie hat das überhaupt nichts zu tun. Alles geht mit wissenschaftlich sehr gut aufgeklärten Dingen zu. Unser Gehirn nimmt bei anderem Menschen weit mehr wahr als uns bewusst ist. Wie hören ja nicht nur, was jemand sagt, sondern auch wie er oder sie es sagt. Wir sehen, wie sich jemand bewegt, aber auch wohin der andere Mensch blickt und welche Mimik in seinem Gesicht zum Ausdruck kommt. Diese Zeichen - man spricht hier gerne von Körpersprache - werden von unserem Gehirn gelesen.
KontaktUniv.-Prof. Dr. med. Joachim Bauer |
Und dann?
Bauer: Die Entzifferung der Körpersprache eines anderen geschieht sehr schnell und automatisch. Sie läuft in unserem Gehirn ab ohne dass wir nachdenken müssen. Die Informationen, die sich aus dieser Dekodierung ergeben, erzeugen dann in unserem Gehirn eine Art Spiegelbild des emotionalen Zustandes, in dem sich der andere Mensch gerade befindet. Wir können dann in uns einen Teil dessen fühlen was der andere fühlt.
Gibt es Unterschiede bei der Fähigkeit, sich in andere einzufühlen?
Bauer: Ja, erhebliche. Frauen können sich –im Durchschnitt- leichter in andere einfühlen als Männer. Wir wissen außerdem, dass eine Untergruppe von Menschen besondere Schwierigkeiten mit der intuitiven Einfühlung hat. Diese Menschen zählen zum sogenannten autistischen Spektrum.
Samstag 15. 10. 2011: Kongress über das „Soziale Gehirn“ Was macht das Gehirn, wenn Menschen in eine zwischenmenschliche Beziehung eintreten? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer internationalen wissenschaftlichen Tagung, zu der sich am Samstag 15. 10. 2011 über 400 Teilnehmer im Audimax der Universität zusammenfinden. „Social Neuroscience“ ist der Name einer neuen Wissenschaft, die sich mit der Frage beschäftigt, warum Menschen –neurobiologisch betrachtet- soziale Wesen sind. Entstanden ist die „Soziale Neurowissenschaft“, die sich erst in den letzten Jahren zu einer eigenen Forschungsdisziplin entwickelt hat, aus der Kombination von klassischer Neuroforschung, Medizin und moderner Psychologie.
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Kann man Empathie oder Einfühlung einüben oder trainieren?
Bauer: Daran wird derzeit intensiv geforscht. Frau Professor Singer, die auf der Tagung am Samstag sprechen wird, befasst sich mit Empathie-Übungen. Professor Heinrichs hier aus Freiburg, der ebenfalls auf unserer Tagung vortragen wird, forscht an einem Molekül namens Oxytozin, welches bei Menschen mit Autismus möglicherweise einmal als Medikament zur Verbesserung der Einfühlung eingesetzt werden kann.














