![]() |
„Patienten sind keine Kunden“
(2.6.2009) Wie sieht die Zukunft der Krankenhäuser aus? Wie hat sich das Arzt - Patient- Verhältnis gewandelt? Bekommt jeder die nötige medizinische Versorgung? Ein Interview mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer.
Von Benjamin Waschow
amPuls-online: Vielen Krankenhäusern in Deutschland geht es finanziell nicht gut. Wie steht es um ihre Zukunft, speziell auch der der Universitätsklinika?
Professor Hoppe: Die finanzielle Situation der Krankenhäuser bleibt kritisch. In diesem Jahr stehen sie noch einigermaßen gut da. Aber ab dem Jahr 2010 nicht mehr, wie das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert hat. Demnach werden, wenn nichts getan wird, etwa 20 bis 30 Prozent unserer Krankenhäuser vom Markt verschwinden und somit aus der Versorgung ausscheiden. Das kann auch einzelne Universitätsklinika betreffen. Diese sind nicht nur für die Spitzenversorgung zuständig sondern sie übernehmen auch vielfältige Aufgaben in der Breitenversorgung. Zudem obliegen ihnen noch die Forschung und die Lehre. Daher bin ich mir sicher, dass die Universitätsklinika grundsätzlich auf sicheren Füßen stehen. Angesichts der drohenden Steuerausfälle in den Ländern und beim Bund dürfte sich die Situation aber auch für die Unikliniken verschärfen.
amPuls-online: In den meisten Krankenhäusern sind Arztstellen vakant. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Ärzte. Wie ist das zu erklären?
Professor Hoppe: Mehr Ärzte und zugleich Ärztemangel sind kein Widerspruch, sondern eine Folge gesellschaftlicher und gesetzlicher Veränderungen wie dem neuen Arbeitszeitrecht oder der Feminisierung des Arztberufs. Mit dem neuen Arbeitszeitrecht ist die Zahl der Arbeitsstunden von Ärztinnen und Ärzten limitiert. Gleichzeitig bedingen die demografischen Veränderungen und der medizinische Fortschritt aber mehr Leistungen. Die Arbeitslast steigt und es kommt zu einer zunehmenden Verdichtung von Arbeit, Überlastung von Mitarbeitern und Demotivation. Dies wiederum führt zu ganz natürlichen Reaktionen. Ärztinnen und Ärzte steigen aus, gehen ins Ausland, machen etwas anderes, sind unzufrieden, verlieren Freude und Engagement am und für den Beruf. Das muss sich ändern.
amPuls-online: Was muss getan werden, um für Ärzte das Arbeiten in Krankenhäusern attraktiver zu gestalten?
Professor Hoppe: Wir müssen die Rahmenbedingungen ärztlicher Berufsausübung wieder attraktiver gestalten. Wenn wir die jungen Menschen für unsere Arbeit begeistern wollen, müssen wir die Bedingungen ihren Bedürfnissen und Wünschen anpassen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt dabei eine wichtige Rolle. Ich glaube, dass die Krankenhäuser, wie andere Wirtschaftsunternehmen auch, entsprechende Angebote, wie Kinderbetreuung und dergleichen, anbieten müssen. Wenn das besser funktioniert, werden wir auch mehr Beschäftigte im ärztlichen Dienst der Krankenhäuser haben.
amPuls-online: Immer mehr Ärzte sehen in ihren Patienten durchaus auch den Kunden. Welche Auswirkungen hat dieser Trend auf das Arzt-Patienten-Verhältnis?
Professor Hoppe: Patienten sind keine Kunden, Ärzte sind keine Verkäufer und die Patient-Arzt-Beziehung ist keine Geschäftsbeziehung. Patienten vertrauen auf die ärztliche Professionalität und die Fürsorge. Der Arzt hat dem Patienten beizustehen, auch wenn dies seinen wirtschaftlichen Interessen entgegensteht. Dort wo Kollegen versuchen, Patienten als Kunden zu sehen, wird aus der ärztlichen Tätigkeit ein Gewerbe. Ich finde es bedenklich, wenn Ärzte gleichzeitig behandeln und ein Geschäft betreiben. Das passt nicht zum ärztlichen Beruf.
amPuls-online: Viele Ärzte bieten ihren Patienten sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an. Ist es nicht äußerst schädlich für das Arzt-Patienten-Verhältnis, wenn sich der Patienten nicht mehr sicher sein kann, ob sein Arzt mehr an seinen persönlichen Profit denkt, als an die Gesundheit des Patienten?
Professor Hoppe: Deshalb muss man klarstellen, dass es sich bei IGeL um Leistungen handelt, die vor allem für den Patienten wichtig sind und die nicht zuerst das Geschäft des Arztes fördern. Die meisten Individuellen Gesundheitsleistungen sind sicher medizinisch sinnvoll und vielfach auch notwendig angesichts des mehr und mehr restriktiv zu handhabenden Leistungskataloges der gesetzlichen Krankenversicherung. Wir haben auf dem Ärztetag 2006 Hinweise für das Erbringen individueller Gesundheitsleistungen beschlossen. Wir fordern darin, Patienten über Nutzen und Risiken von IGeL umfassend zu informieren, ihnen ausreichend Bedenkzeit zu geben und Leistungen nicht aufzudrängen. Wer dies beachtet, der ist auf der sicheren Seite. Wenn ein Arzt vernünftig erklärt, was möglich ist, aber durch das System nicht finanziert werden kann, dann ist das in Ordnung.
amPuls-online: Glauben Sie, dass in Deutschland allen Patienten die nötige medizinische Versorgung zu teil wird?
Professor Hoppe: Schon heute decken die gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr in vollem Umfang das ab, was medizinisch notwendig und geboten wäre. Notwendige Behandlungen werden immer öfter dem Finanzierbaren untergeordnet. Das bekommen viele Patienten aber noch nicht zu spüren, weil Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger mit großem persönlichem Engagement und nicht selten bis an den Rand der Erschöpfung versuchen, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Aber so kann es nicht weitergehen. Auf Dauer lässt sich die Unterfinanzierung in der GKV nicht durch unbezahlte Arbeit kompensieren. Wir fordern deshalb die Politik auf, endlich die Probleme im Gesundheitssystem zu lösen und dafür dauerhafte Grundlagen zu schaffen.
amPuls-online: Was sagen Sie zu einer Aktion einer Ärztegruppe, die aufruft, in Wartezimmern mittels Plakaten gezielt Anti-SPD Politik zu betreiben?
Professor Hoppe: Davon halte ich nichts. Das Wartezimmer darf kein Ort parteipolitischer Auseinandersetzung sein. Ich bin aber entschieden dafür, dass Ärzte über die Folgen der Unterfinanzierung aufklären. Wenn sich Ärzte nicht in der Lage sehen, ihre Patienten so zu behandeln, wie es dem aktuellen Stand der Medizin entspricht, dann müssen sie informieren und auf diesen Missstand hinweisen. Dann ist es angebracht, dass sie ihre Patienten aufklären, was politisch entschieden worden ist, und weshalb die eine oder andere Leistung nicht mehr gewährt werden kann.
amPuls-online: Vielen Dank!














