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Schweinegrippe – Impfen oder nicht Impfen?

(29.10.2009) Interview mit dem Leiter der Infektiologie des Universitätsklinikums Freiburg, Prof. Dr. Winfried Kern und Prof. Dr. Reinhard Berner, Leiter der Sektion Pädiatrische Infektiologie, Immunologie und Vakzinologie des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg.

Von Benjamin Waschow

amPuls: Wer sollte sich gegen die so genannte Schweinegrippe impfen lassen?

Professor Kern: Die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut empfiehlt, zunächst bestimmte Gruppen bevorzugt zu impfen. Hierzu zählen Beschäftigte im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege mit Kontakt zu Patienten oder infektiösem Material. Des Weiteren Personen mit einer erhöhten gesundheitlichen Gefährdung beispielsweise wegen einer chronischer Erkrankung der Atmungsorgane, chronische Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenkrankheiten, Malignome, Diabetes und andere Stoffwechselkrankheiten, neurologische und neuromuskuläre Grundkrankheiten, Immundefekte mit gewisser Restfunktion.

amPuls: Sollten Kinder gegen die Neue Grippe geimpft werden?

Professor Berner: Ja, Kinder – und zwar Kinder ab dem Alter von sechs Lebensmonaten - sollen ebenso wie Erwachsene geimpft werden, wenn sie zu einer der definierten Risikogruppen gehören, die eben genannt wurden. Im Prinzip aber ist der Impfstoff für alle Kinder sinnvoll.

amPuls: Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Professor Kern: Der Impfstoff Pandemrix, der derzeit ausgeliefert wird, ist an rund 5.000 Menschen gestestet worden, damals allerdings mit H5N1, dem Vogelgrippeerreger. Als H1N1-Impfstoff ist er an weniger Personen getestet worden. Vermutlich liegt es an dem Wirkverstärker, dem so genannten Adjuvanz, in diesem Impfstoff, dass Impflinge häufig über Schmerzen an der Injektionsstelle klagen. Ansonsten scheint das Verträglichkeitsprofil so wie bei der saisonalen Grippeimpfung zu sein.

amPuls: Im Moment ist der Krankheitsverlauf der Neuen Grippe relativ leicht. Warum dann der Aufruf zur Impfung?

Professor Kern: Was heißt leicht? Grob geschätzt liegt die Sterblichkeit nach den bisherigen Zahlen bei 1:1000. Würden im kommenden Winter zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sein, bedeutet dies für Deutschland 8.000 Tote. Sind 30 Prozent der Bevölkerung betroffen – das ist eine realistische Schätzung, bedeutet dies 24.000 Tote. Verändert sich das Virus geringfügig, und die Sterblichkeit beträgt nicht 0,1 Prozent sondern 0,2 Prozent, sind es fast 50.000 Tote. Mit diesen Hochrechnungen müssen wir die Entscheidung pro oder contra treffen. Warten wir bis zum Dezember, ist es sehr wahrscheinlich zu spät. Warten wir bis zum Februar, ist es sicher zu spät.

amPuls: Viele Menschen sind durch die Diskussion um die Wirkverstärker im Impfstoff verunsichert. Zu recht?

Professor Kern: Auch wir als Fachleute studieren die Berichte hierzu sehr kritisch. Der Hilfsstoff AS03 ist ein starker Wirkverstärker. Das ist gut für schlecht immunogene Impfstoffe. Es ist weniger gut für die Verträglichkeit. Die Person, die geimpft wird, verspürt an der Einstichstelle mehr Schmerzen. Dass es weitere seltene Nebenwirkungen geben wird, ist unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Die entscheidende Frage ist: wie viel Zeit und Geld kann verwendet werden, um jetzt seltene Nebenwirkungen zu studieren? Auch die anderen H1N1-Impfstoffe sind nicht in großen Studien getestet. Wir können entweder die geschätzten 8.000 bis 50.000 (oder mehr) Grippetote oder die ganz sicher kleinere Zahl von schweren Impfnebenwirkungen auf uns zu kommen lassen.

amPuls: Können Eltern verlangen, dass ihre Kinder den Impfstoff ohne Wirkverstärker erhalten?

Professor Berner: Nein, und dies wäre auch nicht sinnvoll. Denn der Impfstoff ohne Wirkverstärker, der in Deutschland verfügbar ist, ist ein so genannter Ganzkeim-Impfstoff, der sich durch deutlich höhere Nebenwirkungsraten auszeichnet als der verfügbare Impfstoff. Auch der Impfstoff ohne Wirkverstärker aus den USA wird aus meiner Sicht völlig falsch eingeschätzt, insbesondere was die Sicherheit der Anwendung bei kleinen Kindern angeht. Hier liegen – gerade in der Altersgruppe der sehr kleinen Kinder - praktisch überhaupt keine Studiendaten vor. Ich persönlich halte die in Deutschland verfügbaren adjuvantierten Impfstoffe, also Impfstoffe mit Wirkverstärker, für ausreichend sicher und gut wirksam, auch – und gerade – für Kinder. Und es sieht obendrein, nach ganz aktuellen Studiendaten, so aus, dass mit dem adjuvantierten Impfstoff auch bei kleinen Kindern nur eine einzige Dosis mit der halben Menge Impfstoff genügt.

amPuls: Besteht der Impfschutz auch dann noch, wenn sich das Virus verändert?

Professor Kern: Das kommt auf die Art der Veränderung an. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Impfung noch wirkt.

amPuls: Ist es mit einer Impfdosis getan? Und kann man sich gleichzeitig gegen die saisonale Grippe und die Neue Grippe impfen lassen?

Professor Kern: Bei Erwachsenen reicht offenbar eine Dosis aus. Man kann sich gleichzeitig impfen lassen, empfohlen ist jedoch ein Abstand von zwei bis drei Wochen.

amPuls: Vielen Dank!

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