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Leben dank Sonde – Segen oder Fluch?

(08.02.2011) Künstliche Ernährung: Ernährungssonden bieten medizinische Vorteile, bergen aber auch ethische Probleme

Es gibt medizinische Errungenschaften, auf die kaum jemand verzichten möchte. Doch oftmals haben diese unverzichtbaren, positiven Errungenschaften auch noch eine andere Seite, die nicht so gerne gesehen wird. So ist es auch mit der künstlichen Ernährung: Unzähligen Patienten rettet sie das Leben oder schenkt ihnen zumindest etwas Lebenszeit. Gerade Menschen, die aufgrund eines Schlaganfalls, einer Hirnhautentzündung oder eines Unfalls im Koma liegen, kann die künstliche Ernährung über die Wochen der Bewusstlosigkeit helfen. Auch in der Krebstherapie ist unter Umständen eine künstliche Ernährung notwendig, beispielsweise wenn ein Tumor den Verdauungsweg behindert oder eine Strahlentherapie die Schleimhaut geschädigt hat. Bei allen Beispielen gilt: Ist ein Patient nicht mehr in der Lage, die Nahrung oral einzunehmen, besteht die Möglichkeit der enteralen Ernährung. „Mittels Sondenkost werden dann über Ernährungssonden die nötigen Kalorien, Mikro- und Makronährstoffe zugeführt“, erklärt Professor Dr. Hartmut Bertz, Leiter der Sektion Ernährungsmedizin und Diätetik des Universitätsklinikums Freiburg. Dies erfolgt über eine Nasen-Magen-Sonde kurzzeitig oder langfristig über eine perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG), bei der ein Schlauch direkt durch die Bauchwand in den Magen oder Dünndarm (PEJ) gelegt wird. Ist eine Sondenernährung nicht möglich, muss die parenterale Ernährung mittels Infusionslösungen erfolgen.

Die medizinischen Vorteile der künstlichen Ernährung liegen auf der Hand, die ethische Komponente darf aber nicht außer Acht gelassen werden. „Es ist unbestritten, dass eine Magensonde vielen schwer kranken Menschen das Leben rettet. Doch in manchen Fällen kann sie auch verhindern, dass Patienten friedlich sterben können“, gibt PD Dr. Gerhild Becker, Leiterin der Palliativstation des Universitätsklinikums Freiburg, zu bedenken. „Es gibt eben auch Krankheitsstadien, in denen das Anlegen oder die Weiterbenutzung einer Sonde keinen medizinischen Sinn mehr macht“, so die Palliativmedizinerin. „So sollte bei Sterbenden die Linderung des Leidens im Vordergrund stehen.“

„Die Entscheidung, eine Sonde zu legen, wird oft sehr schnell und leicht getroffen“, warnt auch der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg, Professor Dr. Giovanni Maio. „Mit einem solchen Entschluss muss man sehr vorsichtig sein. Eine Sonde darf nicht gelegt werden, nur weil man damit besser pflegen kann oder Zeit spart. Ein Problem, das vor allem in Alten- und Pflegeheimen immer wieder auftritt.“ Aber auch das Abstellen von künstlicher Ernährung will gut überlegt sein und darf nicht leichtfertig entschieden werden. „In der Öffentlichkeit trifft man nicht selten auf die Meinung, dass beispielsweise Wachkomapatienten ohnehin kein richtiges Leben mehr führen würden und die Sonden deshalb besser einfach abgeschaltet werden sollten. Hier sehe ich die Gefahr, dass das Sterben nicht sterbender Menschen banalisiert wird“, so Maio.

Entscheidend ist, was der Patient will. Den Willen des Betroffenen müssen die Ärzte respektieren – ob in einer Patientenverfügung niedergeschrieben oder mündlich geäußert. Ist der Wille nicht bekannt, müssen Ärzte, Angehörige sowie der Bevollmächtige oder der gerichtlich bestellte Betreuer den „mutmaßlichen“ Willen gemeinsam probieren, herauszufinden. Das ist oft nicht einfach. „Die Fragen, die im Zusammenhang mit einer künstlichen Ernährung auftreten, sind hoch komplex und häufig emotional sehr belastend“, weiß die Leiterin der Palliativstation aus ihrer täglichen Erfahrung. Häufig quält die Angehörigen die Vorstellung, einen geliebten Menschen qualvoll verhungern zulassen. „Diese Angst können wir den Angehörigen nehmen“, betont PD Dr. Gerhild Becker, „denn am Ende ihres Lebens haben die meisten Menschen keinen Hunger oder Appetit. Und Durst empfinden sie vor allem, wenn der Mund trocken ist, gute Mundpflege ist hier oft hilfreicher als Flüssigkeitsgabe. Die Abnahme des Gewichts und der Flüssigkeitsverlust sind für Sterbende keine Qual, sondern gehören zu den natürlichen Begleiterscheinungen des Sterbens.“

Kontakt

Sektion Ernährungsmedizin und Diätetik
Prof. Dr. Hartmut Bertz
Tel.: 07 61/270 -33 35
E-Mail: hartmut.bertz@uniklinik-freiburg.de

Palliativstation
PD Dr. med. Dipl.-Theol. Gerhild Becker
Master of Science Palliative
Care (King’s College London)
Tel.: 07 61/270 -95 45
E-Mail: gerhild.becker@uniklinik-freiburg.

Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Prof. Dr. Giovanni Maio
Tel.: 07 61/203-50 34
E-Mail: maio@ethik.ni-freiburg.de

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