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Ist das Gesundheitssystem fit für die Zukunft?

(19.2.2009) Wie weit steigen Krankenkassenbeiträge noch an? Wie lange können wir uns eine medizinische Versorgung auf dem jetzigen Niveau noch leisten? Lesen Sie hierzu ein Interview mit Professor Bernd Raffelhüschen.

                                                                                                Von Benjamin Waschow

amPuls-online: Wie steht es um das deutsche Gesundheitssystem?

Professor Bernd Raffelhüschen: Das deutsche Gesundheitssystem hat noch alle Nachhaltigkeitsreformen vor sich und leider noch keine hinter sich. Alles, was wir bislang getan haben, hat mir der Sicherung der finanziellen Tragfähigkeit des Systems nichts zu tun.

amPuls-Online: Was bedeutet das?

Professor Bernd Raffelhüschen: Wenn nichts passiert, müssen wir uns darauf einstellen, dass irgendwann Beitragssätze zwischen 25 und 30 Prozent Realität sind und wir das Leistungsniveau deutlich rationieren müssen.

amPuls-online: Beitragssätze von 30 Prozent sind aber doch, angesichts der steigenden anderen Abgaben, realistisch überhaupt nicht umsetzbar.

Professor Bernd Raffelhüschen: Ja das stimmt. Wir haben schon heute Sozialabgaben von 40 Prozent, die sich in 20 Prozent Arbeitgeberanteil und 20 Prozent Arbeitnehmeranteil aufteilen. Wenn man auf die 40 Prozent noch etwas draufsattelt, dann wird die Akzeptanz des Systems gefährdet. Das heißt es liegt im Selbstinteresse der heutigen jungen und mittelalten Generation, die Akzeptanz des umlagefinanzierten Gesundheitsversorgungssystems zu stärken. Nur so können sie gewährleisten, dass auch die die zukünftigen Beitragszahler am bestehenden System festhalten.

amPuls-online: Sind die Ausgaben im Gesundheitswesen gerechtfertigt, oder gibt es eine Überversorgung in Deutschland, die für mehr Kosten sorgt?

Professor Bernd Raffelhüschen: Wenn man plakativ ist, dann nimmt man immer die Sprüche meines Kollegen mit der Fliege [Karl Lauterbach,Anm. der Redaktion], dass es eine Über-, Unter, Fehl- oder Sonstwasversorgung gibt. Ich habe eigentlich überhaupt keine Lust auf solche Sprüche. Ob wir eine Über- oder eine Unterversorgung haben, entscheidet normalerweise der Konsument, also derjenige, der ein Gut nachfragt. Dafür braucht er aber einen Preis. Und diesen Preis haben wir im Gesundheitssystem eben nicht und zwar weil keine allgemeine Eigenbeteiligung exisitiert. Es geht nicht darum, dass jemand, der in einem lebensbedrohlichen Zustand ist, keine angemessene Versorgung bekommt – das steht doch außer Frage. Aber wer es sich leisten kann, der soll entsprechend mehr und stärkere Eigenbeteiligung hinnehmen. Dafür wird es dann für alle im Durchschnitt billiger, denn eine Pauschale, eine Kopfpauschale, die man mit Eigenbeteiligung versieht, die könnte auch ohne weiteres bei 150 oder 160 Euro im Monat liegen.

amPuls-online: Also sollen die einen mehr zahlen und dafür bessere Leistungen bekommen die anderen aber auch angemessen versorgt werden? Eine Zweiklassenmedizin ist also gerechtfertigt?

Professor Bernd Raffelhüschen: Das ist völlig richtig. Die Intention der sozialen Marktwirtschaft ist, ein Privileg dann zu gewährleisten,wenn und damit die Privilegierten dem Durchschnitt helfen. Das ist eigentlich das Wesen von sozialer Marktwirtschaft. Genau diesen Zustand haben wir, denn die Privatpatienten zahlen deutlich mehr für dieselbe Leistung, die sie manchmal vielleicht auch schneller kriegen, das mag sein, aber dennoch ist es im Wesentlichen die gleiche Leistung. Aus diesen Geldern macht das Krankenhaus wie auch der einzelne Arzt eine Quersubventionierung an die gesetzlich Versicherten.

amPuls-online: Das heißt die privaten Krankenkassen abzuschaffen würde das System insgesamt teuerer machen?

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Professor Bernd Raffelhüschen: Das ist genau der Punkt. Die Abschaffung der privaten Krankenversicherungen wäre, als ob man die erste Klasse der Bahn abschaffen würde- was zweifellos die Fahrt in der zweiten Klasse teurer macht.

amPuls-online: Es gibt durch den demographischen Wandel immer mehr alte Menschen. Wie steht es um die Kosten der Pflegeversicherung?

Professor Bernd Raffelhüschen: Damit sprechen Sie das wahrscheinlich heißeste Eisen an, das es überhaupt gibt. Wenn wir bei der Gesundheitsversorgung eigentlich noch, sagen wir mal, ziemlich optimistisch in die Zukunft blicken können, haben wir uns mit der Pflegeversicherung eine tickende Zeitbombe angelacht. Wir haben im Grunde genommen einen Generationenvertrag gestartet, der keiner ist, denn die Generation der heutigen Pflegefälle, hat nicht bezahlt für das, was sie an Leistungen bekommt. Und wir haben mit der Pflegeversicherung auch nicht den sozial schwachen geholfen, sondern Geschenke an den deutschen Mittelstand verteilt und ein Erbschaftsbewahrungsprogramm gestartet. Das war dumm undnachhaltig finanzierbar ist es ohnehin nicht. Wir werden sehen, dass wir im Jahr 2040 oder 2050 zweieinhalb mal so viele Pflegefälle haben wie heute, die allerdings deutlich dementer, und zu gößeren Teilen stationäre Pflegebedürftige sind. All die gutgemeinten Forderungen nach familiärer Pflege sind ohnehin illusorisch: 40 Prozent der geburtenstarken Jahrgänge laufen als demographische Zombies durch die Gegend, denn sie haben gar keine Familie und können somit auch nicht von ihren Kindern versorgt werden. Und von den geschiedenen Ehefrauen wahrscheinlich auch nicht.

amPuls-online: Und wie kommen wir aus dem Dilemma raus?

Professor Bernd Raffelhüschen: Die Segel müssten eigentlich gestrichen werden so schnell wie möglich die Pflegeversicherung aufgelöst werden, denn sie ist nicht finanzierbar.

amPuls-online: Noch einmal auf den Punkt gebracht: Wie hoch werden die Krankenkassenbeiträge in den nächsten Jahren realistisch steigen? Wo ist die Schmerzgrenze?

Leserbrief

Einen Leserbrief zu diesem Interview finden Sie hier...

Professor Bernd Raffelhüschen: Das müssten wir unsere Kinder fragen. Denn die Akzeptanz des Systems ist die entscheidende Frage. Welche Beitragssätze sind unsere Kinder im Jahr 2030 oder 2035 bereit zu zahlen? Ich hoffe ja, dass wir dann gar keine Beiträge mehr haben, sondern nur Kopfpauschalen. So wie es bei den Schweizern oder die Holländern bereits gemacht wird. Aber auch hier stellt sich natürlich die Frage, wie hoch kann die Pauschale im Verhältnis zum Lohn maximal sein? Ich glaube nicht, dass unsere Kinder mehr als ein Fünftel für eine staatliche Gesundheitsversorgung ausgeben wollen. Man muss sich klar machen: Ein Fünftel brauchen wir auch noch für die Rente und ein Zwanzigstel wahrscheinlich für die Pflege. Wenn wir jetzt Bruchrechnen beherrschen wissen wir, das wird verdammt teuer.

amPuls-online: Also eher schwarzsehen oder hoffen, dass das System reformierbar ist und reformiert wird?

Professor Bernd Raffelhüschen: Schwarzsehen tue ich nie. Bei der Rente existierte ja fast das gleiche Nachhaltigkeitsproblem, wie wir es jetzt bei der Gesundheit haben und wir haben es zur Gänze gelöst. Das war schmerzhaft, aber es hat geklappt. In Deutschland reagieren wir meistens erst kurz vor Krach, aber dann doch relativ zügig und geradlinig. Mit manchen Schnörkeln, das ist logisch, aber das sind politische Prozesse. Insofern habe ich keine Angst vor einem sozialen Weltuntergang.

amPuls-online: Vielen Dank für das Gespräch.

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