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Mit der Nadel ins Gehirn
(28.10.2011) Der Eingriff an Chorea-Huntington-Patienten wird deutschlandweit nur in Freiburg gemacht. Die Stereotaxie an der Uniklinik verfügt über Europas modernsten voll digitalisierten Operationssaal.
Höchste Genauigkeit erforderlich: Heutige
stereotaktische Operationen werden mit Hightech-
Methoden präzise vorbereitet. Der Freiburger
Stereotaxie-OP ist voll digitalisiert.
(Foto: Schmidt)
Die Hohlnadel schiebt sich ins Gehirn. Jedes Mal wenn Guido Nikkhah an einem kleinen Rädchen dreht, dringt die Kanüle tiefer in den Schädel seines Patienten ein. Sie bohrt sich durch Hirnzellen, passiert Areale, die mit Sprache und Sehen zu tun haben. Nikkhah beobachtet konzentriert, aber ohne Anspannung, wie Millimeter um Millimeter der Kanüle verschwindet. „Das ist nicht wirklich kritisch“, sagt der Professor für Stereotaktische Neurochirurgie und dreht erneut an dem Feinstellrädchen. Gleich wird er im Striatum, einer Hirnstruktur, ganz gezielt Zellpakete implantieren. Sie sollen erstmals das Leid von Menschen mit der tödlichen Erbkrankheit Chorea Huntington lindern.
Stereotaktische Operationen sind extrem präzis: Die Kanüle des Neurochirurgen verfehlt ihr Ziel nie um mehr als einen halben Millimeter! Das gibt ihm die Sicherheit, nur im Striatum einzugreifen - dort, wo bei Huntington-Patienten mit der Zeit immer mehr Hirnzellen absterben. Eine wirksame Behandlung dagegen existiert derzeit nicht. Die Erkrankten werden schwermütig oder aggressiv, haben teils Wahnvorstellungen. Sie beginnen, unwillkürlich zu zappeln. Später werden sie bettlägerig und gehen langsam zugrunde. Deshalb will Nikkhah die Krankheit schon in einem frühen Stadium aufhalten. Er implantiert dazu embryonales Hirngewebe ins Striatum der Huntington-Patienten. Die frischen Zellen vermehren sich, wachsen mit den verbliebenen zusammen und sollen den Verlust alter Zellen wiedergutmachen.
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>> zum Artikel: "Impulsgeber
Neue Hoffnung für Menschen
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Prof. Guido Nikkhah
(Foto: Uniklinik)
Noch ist die Therapie jung und exklusiv. „Sie findet deutschlandweit nur in Freiburg statt“, sagt Nikkhah, Ärztlicher Direktor der Stereotaktischen Neurochirurgie an der Uniklinik und „Herr“ über Europas modernsten OP-Saal für stereotaktische Hirnoperationen. Für die innovative Technik ist
ein eingespieltes interdisziplinäres Team notwendig. In Freiburg umfasst es ärztliche Mitarbeiter der Stereotaktischen Neurochirurgie, der Neurochirurgischen Klinik und der Molekularen Neurochirurgie.
Das Geheimnis stereotaktischer Eingriffe steckt in einer seltsamen „Metallkappe“ für Patientenköpfe, dem Rahmen. Daran machen Neurochirurgen Kanülen, Elektroden und andere Instrumente fest - in exakt berechneten Winkeln. So treffen sie immer genau ins Ziel. Zudem bleiben die fixierten Instrumente selbst dann ruhig, wenn die Hand des Operateurs leicht wackelt. Solche Bewegungen könnten große Schäden im Hirn anrichten. Der Rahmen dient also als Schablone für die OP. Er besteht aus einem Ring sowie verstellbaren Zielbügeln mit Skalen und Feinstellrädchen: Eine Einstellung legt fest, wo der Chirurg den Schädel anbohrt. Eine andere, ob er von dort nach vorne, hinten, rechts oder links zielen muss. Eine dritte gibt vor, wie weit die Kanüle ins Hirn vorstoßen darf, um genau zum Striatum zu kommen. „Die Einstellungen müssen unbedingt hundertprozentig stimmen“, betont Nikkhah, „Da ist höchste Genauigkeit gefordert!“
Von außen ist das Ziel allerdings nicht zu sehen. Nikkhah muss es zuerst millimetergenau orten. Dazu studiert er akribisch Magnetresonanztomografien, Computertomografien und 3-D-Abbildungen des Patientenschädels. Auf ihnen sucht er anschließend auch das optimale Trajektorium - die günstigste Straße von der Schädeldecke zum Ziel. Oft ist die beste die kürzeste, aber nicht immer. „Wenn ein Blutgefäß auf der Strecke liegt, müssen wir ausweichen“, sagt der Neurochirurg. Hirnblutungen können für ernsthafte Komplikationen sorgen.
Diese Werte überträgt Nikkhah sorgfältig auf den Rahmen, bevor er ihn von seinem Ständer, einem Metallring, hebt. Ein ähnliches Metallband trägt der Patient, der auf dem OP-Tisch schlummert, bereits fest am Kopf. Daran wird der Rahmen fixiert. Er zwingt den Chirurgen, sämtliche vorgewählten Werte exakt einzuhalten. Nikkhah bohrt ein sechs Millimeter großes Loch in den Schädel und befestigt eine Schiene für seine Kanüle am Rahmen. Am Ziel angelangt, schiebt er in die Hohlnadel eine Mikrospritze, die embryonale Gehirnzellen enthält. Damit pflanzt er die Zellpakete ein. Auf einer Straße muss der Neurochirurg zielsicher an acht Adressen je ein Paket absetzen.
Kontakt Prof. Dr. Guido Nikkhah |
Die Huntington-OP ist langwierig. Erst Monate danach kann sich der psychische und körperliche Zustand des Patienten verbessern. „Aber die Transplantation allein reicht nicht, um die Krankheit in den Griff zu bekommen“, bedauert Nikkhah. Im besten Fall kann er Chorea Huntington abbremsen. Ein kleiner, aber bedeutender Schritt. Doch der 50-Jährige will die Therapie noch verbessern. Irgendwann sollen die Patienten ihre eigenen, veränderten Zellen als Implantate erhalten. Damit könnte mehr
Erfolg winken, hofft Guido Nikkhah: „Bis dahin wird es allerdings noch Jahre dauern.“














