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Impulsgeber

(28.10.2011) 60 Jahre Stereotaktische Neurochirurgie in Freiburg: Am Anfang waren die Bedingungen hart - operiert wurde nach dem Krieg im Keller.

Die Abteilung Stereotaktische Neurochirurgie des Uniklinikums hat wichtige Therapien mitentwickelt, beispielsweise die Zerstörung von Hirntumoren durch radioaktive Implantate („Seeds“) und die Behandlung von Bewegungsstörungen wie Parkinson oder Chorea Huntington durch Neutransplantation oder Hirnschrittmacher (Tiefe Hirnstimulation). Heute genießt die Freiburger Stereotaxie, die Anfang Dezember einen internationalen Kongress ausrichtet, weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Doch der Weg dahin war steinig. Rückblickend wirken manche Bedingungen und Untersuchungen der Pionierzeit allerdings eher kurios.
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht überall Not. Der Freiburger Uniklinik mangelt es an Medikamenten, Desinfektionsmitteln und Räumen. Die Neurochirurgische Abteilung kommt 1946 nur in der Neurologisch-Psychiatrischen Klinik unter. Prof. Traugott Riechert muss im Keller des Gebäudes in der Hauptstraße operieren. Meistens entfernt er Kugeln oder Granatsplitter aus Köpfen von Kriegsverletzten. Kaffee meidet Riechert wie die Pest: Er fürchtet, seine Hände könnten bei OPs zittern. Dennoch überleben einige seiner Patienten den Eingriff nicht, weil im Klinikkeller von Sterilität keine Rede sein kann.

Zur Erholung werden die Operierten ins Dachgeschoss verfrachtet, wo sie auf dem Boden liegen. Nebenan, hinter einer Bretterwand, entwickelt Riechert neue Ideen zur Operation von Hirntumoren, Bewegungsstörungen wie Parkinson und psychischen Erkrankungen wie unheilbaren Schmerzen, Depressionen oder Psychosen. Doch manche Psychochirurgen fassen auch Homosexualität, Neigung zu Straftaten und kommunistische Gesinnung als „Störung“ auf. Riechert distanziert sich von der Psychochirurgie: Sie erlöse Patienten zwar von Zwangsstörungen und Schmerzzuständen. Dafür vegetierten viele von ihnen nach den drastischen Eingriffen teilnahmslos vor sich hin. Der Mensch werde im „gegebenen geistigen Gefüge“ verändert, kritisiert er: „Sind wir hierzu überhaupt berechtigt?“

Kongress „Stereotactic and Functional Neurosurgery - State of the Art“.

Vom 1. bis 3. Dezember 2011 veranstaltet die Abteilung Stereotaktische Neurochirurgie der Uniklinik den internationalen Kongress „Stereotactic and Functional Neurosurgery - State of the Art“. Er steht unter der Schirmherrschaft der europäischen Fachgesellschaft ESSFN, die in Freiburg gegründet wurde. Neben aktuellen Methoden und Trends kommen auch historische Entwicklungen zur Sprache, zu denen Freiburger Neurochirurgen seit mehr als 60 Jahren wichtige Beiträge liefern. Der Kongress findet im Konzerthaus statt. Weitere Informationen unter: www.stereotaxy-freiburg.de

Im Klinikalltag geht es familiär zu: Riecherts Frau Christa ist ebenfalls Ärztin und assistiert ihm oft bei OPs. Die kleine Christa, ihre Tochter, musiziert an Weihnachten für Patienten. Trotzdem hadert der Abteilungsleiter mit den schlechten Umständen: „Ein Jahr lang operiere ich so, aber wenn das nicht besser wird, hör ich damit auf.“ Selbst für Röntgenuntersuchungen müssen seine Patienten in die Nachbarabteilung. Dabei liefern die Aufnahmen sowieso zu wenig Details aus dem Gehirn, weil es keine geeigneten Kontrastmittel gibt. Tumore eindeutig zu orten, ist unmöglich. Deshalb zapfen Ärzte vielen Patienten etwas Flüssigkeit aus dem Rückenmarkskanal ab. Gleichzeitig injizieren sie Luft. Wenn die Patienten aufrecht sitzen, schlüpft die Luftblase durch den Kanal ins Gehirn. Sie macht auf Röntgenaufnahmen speziell bestimmte Hirnstrukturen sichtbar. Diese Ventrikel dienen dann als Orientierungspunkte für OPs.

„Die Patienten bekamen bei der Prozedur grauenhafte Kopfschmerzen“, heißt es in den Erinnerungen des OP-Pflegers Lothar Buchner. Auch er hat es mitunter nicht leicht. Bei nächtlicher „Rufbereitschaft“ klingelt ihn die Polizei aus dem Bett, wenn eine Notfalloperation ansteht. Wie viele andere hat Buchner damals kein Telefon. Mit dem Aufwecken ist die Pflicht der Beamten jedoch erledigt. Privatpersonen dürfen sie nicht im Dienstfahrzeug befördern. Also muss Buchner durch Freiburgs dunkle Straßen zur Klinik marschieren.


Stets innovativ: die
Freiburger Stereotaxie
1975 im Magazin "Der
Spiegel"


Riecherts Nachfolger, Prof. Fritz Mundinger, regt an, stereotaktische Operationen mit Computern zu unterstützen. Für ihn programmiert der Physiker Dr. Walter Birg den ersten Tischrechner mit Magnetkarten. „Wir mussten wahnsinnig mit Daten geizen“, erzählt Birg, „selbst Zahlen durften nicht zu lang sein.“

Doch die Entwicklung gibt international entscheidende Impulse, die 1970 zur Gründung der Europäischen Gesellschaft für Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie (ESSFN) in Freiburg führen. Zwei Jahre später schickt Physiker Birg schon Daten per Telefon ins Rechenzentrum der Klinik: Von Listen liest er Zahlen ab, die Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung im Rechenzentrum eintippen: Datenhighway anno 1972.

Zuletzt treiben die Professoren Christoph B. Ostertag und Guido Nikkhah die Entwicklung der Stereotaktischen Neurochirurgie voran. Die meisten ihrer Therapie-Ideen sind erfolgreich. 2001 führt die Freiburger Abteilung die erste Tiefenhirnstimulation durch und 2005 Deutschlands erste Neurotransplantationen an Chorea-Huntington-Patienten.