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Doktorspiele für Studierende
(20.04.2011) Im Studitz, dem Studierenden-Trainingszentrum der Universität Freiburg, können angehende Ärztinnen und Ärzte ihre praktischen Fertigkeiten trainieren – ohne Druck und Leistungsstress. Und vor allem ohne Risiko für Patientinnen und Patienten.
Skills labs, also Trainingszentren, für
Medizinstudentinnen und -studenten sprießen
in ganz Deutschland wie Pilze aus dem Boden.
(Foto: R. Buhl)
Ob Gummiarm, Thoraxtorso oder Reanimationspuppe – die Kunststoffmodelle im Freiburger Studitz, dem Studierendentrainingszentrum für angehende Ärztinnen und Ärzte, sind duldsame Objekte. „Ein Gummiarm kennt keinen Schmerz, ein Patient dagegen schon“, sagt Dr. Sabine Diwo, die ärztliche Leiterin des Studitz und im Hauptberuf Anästhesistin am Freiburger Universitätsklinikum. Doch praktische Erfahrungen sind für Medizinstudierende so wichtig wie schwer zu bekommen. Im Studitz können sie dagegen probieren, was später bei richtigen Patienten auf sie zukommen wird. „Der Patient profitiert kolossal von unserer Einrichtung“, sagt Dr. Diwo, „weil zum Beispiel Venenpunktionen nicht erst am Patienten geübt werden müssen, sondern an einem Arm aus Kunststoff.“ Wenn die Studis Doktor spielen, fließt auch Blut – Kunstblut, denn in den Gummiarm sind kleine Schläuche mit roter Flüssigkeit eingearbeitet.
Das Studitz wird komplett aus Studiengebühren finanziert, die Kurse sind kostenlos. Geübt wird dort vieles von dem, was sonst nur an realen Patienten gemacht werden kann: Wie werden Wunden richtig genäht? Was ist beim Abhören der Lunge zu beachten? Oder: Wie wird ein Ultraschallgerät gehandhabt? In den zweistündigen Sonographiekursen etwa untersuchen sich sechs Studentinnen und Studenten paarweise gegenseitig, betreut werden sie dabei von einem Radiologen: „Die Sonographiekurse sind einzigartig in Freiburg“, sagt die studentische Tutorin Jasmin Wolf. „Im normalen Radiologiekurs des Medizin-Studiums hat man zu zweit eine Dreiviertelstunde Zeit und ein Arzt betreut acht Teilnehmer. Hier im Studitz können Studierende zwei Stunden lang intensiv üben.“ Die Kurse sind beliebt, allerdings aber auch oft über Monate hinweg ausgebucht, so groß sei der Andrang, berichtet Sabine Diwo.
Seit 2007 können Studierende der Medizin in dem Skills Lab der Universität Freiburg ihre Fertigkeiten in aller Ausführlichkeit trainieren, ohne dass „echte Patienten“ unter Anfängerfehlern leiden müssen – und die wiederum schätzen es, wenn die angehenden Medizinerinnen und Mediziner nicht mit zittriger Hand ihre erste Spritze ansetzen und der Stich womöglich daneben geht. Im Studitz werden sie von Ärztinnen und Ärzten in Kursen angeleitet, aber auch von anderen Studierenden nach dem „peer to peer“-Prinzip beim so genannten „Freien Üben“. Das Studitz ist ein geschützter Raum mit einer offenen Lernatmosphäre, wo aus Fehlern gelernt werden darf. „Die Studierenden lernen ohne Leistungsdruck“, sagt Sabine Diwo, „und selbst vermeintlich dumme Fragen haben bestenfalls die Konsequenz, dass sie etwas dazulernen. Bei uns gibt es keine Scheine, dafür aber Kenntnisse – und die sind am wichtigsten.“
In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 30 solcher Skills Labs, deren Ausstattung und Größe aber deutlich differieren. Hintergrund des Booms ist die Novellierung der ärztlichen Approbationsordnung im Jahr 2002. Seither sind die Universitäten zu mehr praktischen Elementen in den medizinischen Lehrplänen verpflichtet. Allerdings kann nur ein Teil davon direkt am Krankenbett stattfinden. Zunehmend werden deshalb praktische Übungen an Modellen angeboten. In den vergangenen Jahren wurden an den Universitätskliniken im deutschen Sprachraum etliche so genannter Skills Labs gegründet, 34 deutsche, drei schweizerische und fünf österreichische.
Spenden gesucht
Anatomische Modelle nutzen sich ab. Spritzen können nur einmal benutzt werden. Und selbst teure medizinische Geräte geben irgendwann einmal den Geist auf. Kurzum: Das Studitz braucht ständig Geld, um das kostenlose Angebot aufrechtzuerhalten und zu erweitern. Das Freiburger Skills Lab finanziert seinen laufenden Betrieb aus Studiengebühren, für größere Sprünge beim Angebot ist man aber vor allem auf Spenden angewiesen.
Kontakt
Studitz – Das Freiburger Skillslab |
Einige dieser Trainingszentren sind in die curriculare Lehre der jeweiligen Universitäten integriert: In Münster und Mannheim etwa gibt es regelrechte Lehr- und Lernkrankenhäuser, in Köln wurde jüngst innerhalb kurzer Zeit ein eigenes dreistöckiges Gebäude errichtet, in dem viele praktische Fähigkeiten trainiert werden können – mit Schauspielern, die Patienten darstellen oder Simulationen von Notfallsituationen mit lebensgroßen, realistisch wirkenden Projektionen an der Wand mit authentischer Geräuschkulisse.
„Skills Labs sind aus der universitären Ausbildung in der Medizin nicht mehr wegzudenken“, meint Sabine Diwo. „Sie bieten eine Gelegenheit, das, was in Kursen zuvor erlernt wurde, in aller Ruhe eigenständig zu üben. Wenn man da als Universität nicht mitmacht, ist man nicht nur nicht auf der Höhe der Zeit, sondern fällt hinten runter.“
In Freiburg nutzen nach Angaben des Studitz mehr als 200 Studierende pro Semester das extracurriculare Angebot – Tendenz steigend. Dennoch ist das Freiburg Skills Lab eine Nummer kleiner als die großen Vorbilder in Münster, Mannheim oder in Köln. Noch muss sich die Einrichtung damit begnügen, stundenweise Räumlichkeiten in einem Lehrgebäude der Medizinischen Fakultät zu nutzen. „Die Modelle und medizinischen Geräte müssen jeden Tag vor Kursbeginn auf- und wieder abgebaut werden, was die teuren Utensilien sehr strapaziert“, sagt Sabine Diwo, „feste Räumlichkeiten sind unser dringendster Wunsch. Dann könnten wir auch das Angebot weiter ausbauen.“ An Bedarf und Ideen mangelt es im Studitz jedenfalls nicht.














