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Die Angst vor der Angst
(5.8.2009) Angst ist normal und notwendig. Aber Angst kann sich auch verselbstständigen und zu einer Krankheit werden. Ängste überwinden heißt an die eigenen Grenzen gehen.
(hs) Schneller Puls, kalter Schweiß auf der Stirn, Zittern, schlotternde Knie – und nur ein Gedanke: Weg hier. Jeder kennt dieses Gefühl und meist hat es einen guten Grund. „Angst ist normal und notwendig. Aber Angst kann sich auch verselbstständigen“, sagt Professor Dr. Michael Wirsching, Experte für Psychosomatische Krankheiten am Universitätsklinikum Freiburg.
Wenn Angst Alltag wird und diesen zunehmend erschwert, dann ist sie eine Krankheit. Egal ob Spinnenangst, Furch vor Menschenansammlungen oder ganz ohne Grund: „Die Betroffenen erkennen selbst, dass ihre Ängste übertrieben und unvernünftig sind, sind aber von der Heftigkeit der eigenen Reaktionen überwältigt“, erklärt Professor Dr. Mathias Berger, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätklinikum, das Problem. „Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Laufe des Lebens die Diagnose einer Angststörung zu erhalten, beträgt etwa 13 Prozent“, so Berger weiter.
Dabei muss nicht jede Angststörung chronisch werden oder das Alltagsleben empfindlich einschränken. Viele Betroffene kennen spezifische Ängste, die nur in ganz bestimmten Situationen auftreten, so genannte Vermeidungsängste. Die Spinnenangst ist wohl die bekannteste dieser Art. Betroffene entwickeln schnell Vermeidungsstrategien. Berger: „Sie machen einen immer größeren Bogen um die auslösenden Situationen.“ Eine Angst vor der Angst bildet sich aus.
Bei den sozialen Phobien, also der Angst vor dem Kontakt zu Menschen neigen Patienten dazu sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück zu ziehen. Sie fürchten Begegnungen mit Menschen und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer zu stehen. Agoraphobien sind dagegen im Volksmund als Platzangst bekannt. Sie entstehen bei manchen in engen, bei anderen wieder in besonders weiten Räumen.
„Nicht immer lässt sich eine konkrete Ursache von Angst feststellen“, so Professor Wirsching. Bei einer diffusen Angststörung gebe es einfach Angst ohne Grund. Doch egal welche Form zutrifft, schlimmstenfalls gipfeln Ängste in einer akuten Panik. Herzrasen, Hyperventilation, Magen-Darm-Probleme und sogar Bewegungsunfähigkeit sind die Folgen. Allerspätestens jetzt sollte ein Patient einen Arzt aufsuchen. Zur Therapie von Ängsten gehört vor allem eine große Portion Arbeit an sich selbst, gibt Wirsching an. Trotzdem geht es kaum ohne Arzt. Dem fallen in der Angsttherapie zwei wichtige Aufgaben zu.
„Zunächst muss ein Arzt, das kann der Hausarzt sein, echte körperliche Ursachen der Angstsymptome ausschließen“, so Wirsching. Denn auch ernsthaft gefährliche Erkrankungen können ähnliche Symptome und Gefühle auslösen. Ist eine tatsächliche Angststörung erkannt ist die erste Hürde zu ihrer Überwindung erreicht. Ein Therapeut wird dem Patienten eine auf seinen Einzelfall abgestimmte Therapie zur Verfügung stellen. Professor Berger: „Verhaltenstherapien sind bei den verschiedenen Angststörungen am Besten und gelten als Behandlung der Wahl. Sie können zumeist ambulant durchgeführt werden“.
KontaktAmbulanz der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie Spezialsprechstunde für Angststörungen |
Die Therapie erfordert dabei eine aktive Mitwirkung und „Arbeit an sich selbst“. Wird die Behandlung ohne die Begleitung eines Therapeuten durchgeführt, besteht das Vorgehen aus drei wichtigen Schritten. Der erste ist tatsächlich die Konfrontation mit dem Angstauslöser. „Gehen Sie schrittweise an Ihre Grenze heran, aber übertreten Sie diese nicht“, rät Experte Wirsching. Dazu reicht es manchmal, wenn ein Mensch mit einer Soziophobie sich überhaupt wieder ins Kino oder ins Kaufhaus traut. Merkt er dann, dass die Angst kommt, helfen oft einfache Atem- und Entspannungsübungen. Auch stärkere Angstsymptome sind - wenn man sie zulässt - oft schneller vorbei als gedacht.
„Keinesfalls sollten Patienten aus Gewohnheit Angstmedikamente wie Valium nehmen“, betont Wirsching die Grenzen der Medizin. Solche Mittel seien nur im äußersten Notfall, etwa einer Panikattacke an Bord eines Flugzeugs, einzusetzen. Das Suchtpotential ist viel zu hoch. Eher in Frage kommen auf ärztlichen Rat verschriebene Antidepressiva, die nach Berger nicht nur gegen Depressionen, sondern auch gegen Ängste wirksam sind.
Die Ursachen von Angststörungen sind außerordentlich vielfältig. Mediziner vermuten durchaus eine Art genetischer Veranlagung, die manche mehr, andere weniger anfällig für Ängste macht. Viel Anteil am persönlichen Angstprofil hat aber das soziale Umfeld und die Erziehung: „Es gibt ganze Angst-Familien, in denen Eltern und Kinder sich gegenseitig beeinflussen“, sagt Wirsching. Traumatische Erlebnisse führen ebenfalls zu schlimmen Ängsten. In schlechten wirtschaftlichen Zeiten wie dieser hat Angst übrigens Hochkonjunktur und weit mehr Menschen als sonst sind deswegen in Behandlung.














