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Gefährlicher Wohlstand
Von Rebecca Esenwein
(10.8.2009) „Honigsüßer Durchfluss“ –die Übersetzung des medizinischen Fachbegriffes Diabetes mellitus aus dem griechischen Ursprung ins Deutsche klingt alles andere als beunruhigend. Dennoch - dahinter verbirgt sich eine handfeste Erkrankung: Die Zuckerkrankheit. In 95 Prozent der Fälle liegt dabei ein so genannter Typ 2-Diabetes vor.
Rapide Gewichtsabnahme, verschwommenes Sehen und andauerndes Durstgefühl in Verbindung mit häufigem Wasserlassen sind die akuten Symptome dieser Krankheit. Im Vorfeld des Weltdiabetiker Tages im November 2007 wurden besorgniserregende Zahlen veröffentlicht: Laut der Deutschen Diabetes Union ist die Zahl der Erkrankten seit 1988 um 54 Prozent angestiegen. „In Deutschland gehen wir von bis zu acht Millionen Betroffenen aus. Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, bestätigt Professor Jochen Seufert. Der Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Diabetologie der Abteilung Innere Medizin II des Universitätsklinikums Freiburg hält insbesondere die zunehmende Anzahl erkrankter Jugendlicher für bedenklich. Dass Typ-2 Diabetes keine Alterskrankheit mehr ist, darauf wies auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen zum Welt-Diabetestag hin. Deshalb sollte besonders bei Kindern darauf geachtet werden, dass diese gesunde Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten von klein auf erlernen.
Gesunde Ernährung und Sport können helfen
„Auch wenn man inzwischen mit Typ-2 Diabetes gut leben kann, birgt die Krankheit viele Gefahren“, so Professor Seufert. „Insbesondere die Langzeit-Folgeerkrankungen, wie Netzhautschäden Nervenschädigungen, das Diabetische Fußsyndrom, Nierenerkrankungen und ein gesteigertes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle sind gefährlich. 40 Prozent aller Dialysepatienten sind Diabetiker“. Erkrankte Menschen sollten deshalb zusätzlich zu gesunder Ernährung und Sport regelmäßige Untersuchungen bei einem Diabetologen, aber auch beim Augenarzt, Neurologen und Nierenspezialisten nicht vergessen.
Auch wenn die erbliche Komponente einen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko hat, so sind zu wenig Bewegung und Übergewicht wesentliche Auslöser der Krankheit. Vor allem diese Begleiterscheinungen des Wohlstands sind ursächlich für eine Erkrankung in jungen Jahren. Zur Früherkennung sollten Menschen mit Übergewicht und Bewegungsmangel regelmäßige Blutzuckerkontrollen und Blutzuckerbelastungstests durchführen lassen.
Ein Programm mit drei Säulen
Die Versorgung von Typ 2-Patienten beschreibt Professor Seufert als Programm mit drei Säulen: „Eine Umstellung und langfristig gesunde Lebensführung besonders hinsichtlich Ernährung und Bewegung ist grundlegend. Eine optimale Einstellung der Patienten durch Medikamente und regelmäßige Schulungen sind zwei weitere Säulen der Behandlung“. Im Universitätsklinikum Freiburg gibt es ein eigenes Schulungszentrum, in dem die Patienten über den richtigen Umgang mit der Krankheit und eine gesunde Lebensweise informiert werden. „Die regelmäßige Teilnahme an den Schulungen ist sehr wichtig. Sie erleichtert den Umgang mit der Krankheit und trägt stark dazu bei, im Alltag Fehler zu vermeiden, betont Professor Seufert. Auch wenn die Ernährung eine wichtige Rolle spielt, sind klassische Diabetikerdiäten heute passé.
Glykämischer Index
Wichtig ist der Glykämische Index eines Nahrungsmittels. Er gibt an, wie schnell der Blutzuckerspiegel nach dem Genuss ansteigt. Wenn dies geschieht, schüttet die Bauchspeicheldrüse bei gesunden Menschen die richtige Menge Insulin aus. Das Insulin schleust dann den Zucker in Muskeln, Leber oder Fettgewebe. Dort wird er in Energie umgesetzt oder als Energievorrat gespeichert. Das Insulin verhindert so, das der Blutzuckerspiegel zu stark ansteigt. Bei Typ 2-Diabetikern ist dieser Prozess gestört. Die Zellen sprechen schlechter auf das Insulin an. Der Zucker verbleibt vermehrt im Blut. Die Medikation von Diabetikern soll diese Vorgänge wieder normalisieren. Für Typ 2-Diabetiker gibt es blutzuckersenkende Tabletten. Sie müssen meist erst dann Insulin durch Spritzen zuführen, wenn sich ihre Blutzuckerwerte trotz regelmäßigem Sport und Gewichtsreduzierung auch unter Tablettenbehandlung nicht bessern.
Interdisziplinäre Betreuung
Für die optimale Betreuung von Patienten mit Diabetes mellitus ist heutzutage ein ganzes Team von Mitarbeitern im Einsatz: Ärzte unterschiedlicher Disziplinen wie Diabetologen, Kardiologen, Nephrologen, Angiologen, Augenärzte aber auch Diabetesberater, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Medizinische Fußpfleger und orthopädische Schuhmacher sind gefragt. Nur so können Patienten umfassend behandelt und auch in besonderen Situationen, wie zum Beispiel in der Schwangerschaft, optimal eingestellt werden. Eine solche interdisziplinäre Betreuung ist in der Diabetesambulanz der Abteilung Innere Medizin II des Universitätsklinikums nicht nur für Typ 2-Diabetiker, sondern auch für alle anderen Formen der Zuckerkrankheit etabliert. Darüber hinaus wird in diesem Schwerpunkt auch auf dem Gebiet der Zuckerkrankheit geforscht: „Wir beschäftigen uns wissenschaftlich vor allem mit Möglichkeiten, die körpereigene Insulinproduktion und Ausschüttung wieder herzustellen“, so Professor Seufert. „Ein Beispiel ist die Transplantation von Insulin produzierenden Zellen. Ein Verfahren das wir derzeit, in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Dr. h.c. Ulrich Hopt, dem Ärztlichen Direktor der Abteilung Allgemein und Viszeralchirurgie des Universitätsklinikums, etablieren. Dies wird für einzelne Patienten neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen“.
KontaktProf. Dr. Jochen Seufert
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Um die Diabetes-Gefahr für Alt und Jung langfristig zu senken gibt es eine wichtige Formel: „Eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung sind die beste und wirksamste Vorsorge vor Typ 2-Diabetes“, empfiehlt Professor Seufert. Besonders bei Kindern sollte darauf geachtet werden, dass diese positive Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten von klein auf erlernen. Man kann also mit der ganzen Familie jeden Tag aufs Neue Vorsorge betreiben, in dem man den negativen Begleiterscheinungen des Wohlstands durch Spaziergänge statt Fernsehen und Salat statt Pommes ein Schnippchen schlägt.














