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Krank vor Angst - Hypochonder

(15.11.2010) Ein Zwicken im Bauch: Für die meisten Mensch völlig normal. Der Hypochonder hingegen denkt sofort an einen tödlichen Tumor. Ab wann wird die Sorge um die eigene Gesundheit krankhaft?

(bw) Jeder hatte schon dieses Gefühl: Da zwickt es im Bauch und man denkt, hoffentlich ist das jetzt nichts Schlimmes. Der Gedanke bleibt bei den meisten Menschen nur kurz bestehen. Nicht so bei Hypochondern. Sie sind ständig von der Sorge getrieben unter einer todbringenden Krankheit zu leben. Und das ist kein Spleen oder eine Marotte, wie Viele glauben, sondern eine von der Weltgesundheitsorganisation definierte eigenständige Krankheit.

„Charakteristisch für Hypochonder ist eine zwanghafte Selbstbeobachtung des eigenen Körpers“, erklärt Professor Dr. Michael Wirsching, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. „Die Betroffenen suchen ständig nach Symptomen, die ihren Verdacht auf eine tödliche Krankheit beweisen sollen.“

So werden normale Körperempfindungen fehlinterpretiert, eine so genannte Aufmerksamkeitsverzerrung setzt ein. Bei den Erklärungen für ihr angebliches Leiden helfen Internetforen und Medizinratgeber im Internet. Gibt man dort ein Stichwort wie „Bauchschmerzen“ ein, stößt jeder der will irgendwann auf den Beweis, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Nachdem der Hypochonder sich seiner Diagnose eigentlich schon sicher ist, folgt der Gang zum Arzt, der diese betätigen soll. Da der Arzt dann die erwartete Krankheit nicht feststellen kann, fühlt sich der Betroffene nicht ernst genommen und missverstanden.

Das führt zu einem gestörten Arzt-Patienten-Verhältnis und möglicherweise zu einem so genannten Arzthopping. „Der Arzt schafft es in der Regel nicht, den Hypochonder davon zu überzeugen, dass er nicht körperlich erkrankt ist“, so Wirsching. „Die Folge können Rückzug und Vereinsamung sein. Gefolgt von Angststörungen und depressiven Verstimmungen, bis hin zum völligen Versinken in der eigenen Krankheitswelt.“ Ist es soweit gekommen, helfen meist nur noch Medikamente, die auch gegen Wahnvorstellungen eingesetzt werden und ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung. „Doch selbst wenn ein Hypochonder als solcher erkannt und bei uns vorgestellt wird, scheitert eine Behandlung oft an der Akzeptanz und der Einsicht des Betroffenen“, weiß der Psychosomatiker Wirsching aus eigener Erfahrung.

Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Hypochonder erst nach einem Jahrzehnt voll Angst und Scham nicht ernst genommen zu werden, eine Therapie erhalten. „Ihnen dann helfen zu können, ist natürlich ungleich schwerer, als zu Beginn der Störung.“ Die Gründe für den Ausbruch der Krankheit sind vielfältig. Menschen, die in anderen Dingen auch eher furchtsam sind, haben auch öfter Krankheitsängste. „Oft sind es auch schlimme Erfahrungen in der Kindheit“, erzählt Wirsching. „Todesfälle oder schwere Erkrankungen in der Familie, die möglicherweise nicht gleich richtig vom Arzt erkannt wurden, können Hypochondrien auslösen.“

Nun muss nicht jeder, der sich ab und zu Gedanken über seine Gesundheit macht, Angst haben ein Hypochonder zu werden. Erst wenn die unbegründete Sorge vor schweren Erkrankungen beginnt, den Alltag zu bestimmt sollte man sich Hilfe suchen. Ängste vor Krankheiten sind dabei auch in bestimmten Lebensphasen ausgeprägter als in anderen. Professor Wirsching erzählt gerne von den Medizinstudenten, die jede Woche meinen, eine andere schreckliche Krankheit zu haben. Je nach Vorlesungsthema eben.

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