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„Das muss ich erst einmal verdauen“

(20.5.2009) Diagnose Reizdarm: Der Darm gehorcht nicht mehr, Krämpfe und Blähungen, Durchfall oder Verstopfung werden Alltag. Was können Betroffene tun?

Betroffene sprechen gerne von ihrem „nervösen Darm“. Sie umschreiben damit eine Palette ganz verschiedener chronischer Beschwerden – wiederkehrende Bauchkrämpfe, Blähungen, Unwohlsein. Die einen kämpfen mit Durchfall. Andere leiden ständig an Verstopfungen. Der Toilettengang wird für beide Typen unvorhersehbar. Der Spaß am Essen weicht der Sorge um das Danach.

Mediziner nennen dieses Krankheitsbild Reizdarm-Syndrom. Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung leiden darunter, besonders Frauen scheinen besonders anfällig zu sein. In den schwerwiegendsten Fällen ist der Leidensdruck so groß, das sich Betroffene weitgehend aus dem Familien- und Freundeskreis zurückziehen. Die Ursachen der irritierenden Magen- und Darmbeschwerden sind derart vielfältig, dass eine Diagnose nicht immer leicht ist. Kein Wunder, denn der Darm muss im Leben etwa 30 Tonnen Nahrungsmittel, 50.000 Liter Flüssigkeiten sowie Unmengen an Schadstoffen transportieren. Dabei kann viel schief gehen. Längst ist die Medizin davon abgekommen Reizdarm-Symptome, wie es einmal gängig war, als rein stressbedingt abzutun.

Neueste Forschungen haben auch handfeste Ursachen wie eine fehlerhafte Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin im Verdacht die komplexen Mechanismen des Magen-Darm-Traktes aus dem Takt zu bringen. Wenn der Botenstoff zu viel oder zu wenig vorhanden ist erhält die Steuerzentrale des Darmtraktes, das sogenannte enterische Nervensystem, falsche Steuerinformationen. Hier setzten viele neue und aussichtsreiche Forschungen an. Daneben können aber auch eine unausgewogene Darmflora, falsche Ernährung oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten ein Auslöser sein.

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Ein Reizdarm bildet sich ebenso gerne in Folge eines Magen-Darm-Infektes aus und braucht dann einige Monate um abzuklingen. Trotz all dieser Forschungserfolge und möglicher Ursachen: Psychischer und physischer Stress bleibt bis heute der wichtigste Auslöser des Reizdarm-Syndroms, betont Professor Dr. Wolfgang Kreisel, Magen-Darm-Experte der Uniklinik. Redewendungen wie „das muss ich erst einmal verdauen“ beschreiben treffend den Zusammenhang von Stress im Alltag und einer tumultartigen Verdauung. Ein Arzt muss daher bei der Diagnose und Therapie auch die Lebensumstände der Patienten abklären. Oft hilft bereits ein Ohr für Sorgen und Nöte. „Diese Patienten, und das sind die meisten, müssen vor allem akzeptieren, dass es bei ihnen keine organischen Ursachen der Beschwerden gibt. Das ist der erste Schritt einer wirksamen Therapie“, sagt Kreisel. Der Magen-Darm-Experte betont, dass eine Untersuchung immer nötig ist um gefährliche organische Ursachen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie ein Reizdarm zeigen.

Neben Magen-Darm Spiegelungen sind möglicherweise Tests auf Nahrungsmittel-Allergien und Medikamenten-Unverträglichkeiten sinnvoll. Der Arzt muss im Zweifelsfall so lange suchen, bis der oder die Übeltäter gefunden sind. Ist es am Ende wirklich Stress der Auslöser gibt es Entwarnung. Das Reizdarm-Syndrom selbst gilt nämlich als sehr unangenehm, gefährlich ist es hingegen nicht. Betroffene können ohne Folgeschäden damit leben.

Kontakt

Abteilung Innere Medizin II
Freiburg Montag, Dienstag und Mittwoch
8 bis 13 Uhr     Tel.: 0761/270-3308

Eine wirkungsvolle und universell anwendbare Therapie bei Reizdarm ist bis heute nicht gefunden. Die Behandlung richtet sich in der Regel gegen die vorhandenen Symptome. So können abführende Arzneimittel bei Verstopfungen sinnvoll sein. Umgekehrt sind Medikamente gegen Durchfall angebracht.

Viel erfolgversprechender ist dagegen oft eine Psychotherapie, die die seelischen Ursachen angeht. In minder schweren Fällen können auch Hausmittel wie Pfefferminzöl bei einer wallenden Verdauung Wunder wirken. Anis, Baldrian, Fenchel oder Kümmel haben ähnliche Wirkungen auf den Magen. Eine ausgewogene Ernährung tut ihr Übriges um den Reizdarm zu besänftigen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Fetthaltige Speisen, Kaffee und Tee, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum oder hastiges Essen zu unregelmäßigen Zeiten sind bei Reizdarm zu vermeiden. Sport und körperliche Bewegung helfen dem gestressten Darm und dem Menschen dahinter, wieder zu sich selbst zu finden.

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