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Wenn der Zwang das Leben bestimmt

(15.10.2010) Händewaschen - eine Tätigkeit, die wir alle mehrmals am Tag ausführen, ohne uns große Gedanken darüber zu machen. Anders sieht es bei Menschen aus, die unter einem ausgeprägten Waschzwang leiden.

(bw) Professor Dr. Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, berichtet von einer 35-jährigen Patientin, deren Alltag vom Waschzwang bestimmt wird: Wenn sie vom Einkaufen zurückkehrt, muss sie jedes Mal ein lang dauerndes Reinigungsritual durchführen, das mehrere Stunden dauern kann. Berührungen mit anderen Menschen lösen bei ihr Angst- und Ekelgefühle aus, so dass sie sich sofort wieder waschen muss. Aus Angst sich zu verunreinigen verlässt die Frau nur noch selten die Wohnung und hat den Kontakt zu den meisten Menschen abgebrochen.


Es gibt die unterschiedlichsten Arten von Zwängen

„Menschen mit Zwangsstörungen leiden an Zwangshandlungen und/oder Zwangsgedanken. Je nach Betroffenen stehen meist entweder die Zwangshandlungen oder die Zwangsgedanken ganz im Vordergrund“, so Professor Berger. Eine krankhafte Störung liegt dann vor, wenn die Zwänge so stark ausgeprägt sind, dass die Betroffenen im Privat- oder Berufsleben stark beeinträchtigt sind. Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Zwangshandlungen: Wasch- und Putzzwang, Kontrollzwang, Wiederholungszwang, Zählzwang, Ordnungszwang, Symmetriezwang und Sammelzwang. Der Wasch- und Putzzwang gehört dabei zu den häufigsten Formen der Zwangsstörung. „Das Waschen und Reinigen kann sich dabei auf den eigenen Körper, aber auch auf die Wohnung, die Kleider oder eingekaufte Nahrungsmittel beziehen“, berichtet Professor Berger. Die Zwänge können dabei ein Ausmaß annehmen, dass einige Betroffene fast den ganzen Tag damit verbringen, sich selbst oder die Wohnung zu putzen.

Den Betroffenen ist die Unsinnigkeit bewusst

Kontakt

In der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg gibt es eine Spezialsprechstunde für Menschen mit Zwangsstörungen.

Anmeldung und Information bei:
Dr. Anne Katrin Külz:
0761 / 270 – 6978

Menschen, die unter Zwangsstörungen leiden, fühlen sich aus einem inneren Drang heraus gezwungen, die Handlungen vorzunehmen. Den Betroffnen ist also durchaus bewusst, dass ihre Befürchtungen und die daraus resultierenden Zwangshandlungen stark übertrieben sind. Das Gefühl der Unsinnigkeit kann jedoch bei längerer Erkrankung verloren gehen, sodass die Betroffenen ihre Zwänge für sinnvoll halten. Die Zwangshandlungen dienen dazu, die mit den Auslöserreizen verbundenen Angst- und Ekelgefühle und die Anspannung zu vermindern. Professor Berger weiß aus seiner Erfahrung mit Patienten, die unter Zwangsstörungen leiden, dass „die kurzfristige Verminderung von Angst, Ekel und Anspannung der vorrangige Mechanismus der Zwangssymptome ist, den die Patienten tagtäglich erleben. Dies führt dazu, dass sie - trotz der langfristigen negativen Konsequenzen - ihre Zwangsrituale nicht aufgeben können.“

Ursachen und Heilungschancen

Wie bei vielen seelischen Störungen ist auch für Zwangsstörungen keine bestimmte Ursache alleine für die Erkrankung bekannt. Als sicher gilt jedoch, dass sowohl erbliche Faktoren, Funktionsstörungen des Gehirns und psychologische Ursachen eine Rolle spielen. „Man geht heute davon aus, dass Faktoren in der Erziehung sowie traumatische Erlebnisse zum Entstehen einer Zwangsstörung führen können. Dazu zählen beispielsweise eine übertriebene Sauberkeitserziehung, ein ängstlicher Erziehungsstil oder Missbrauchserlebnisse, so Professor Berger. Zwangsstörungen galten lange Zeit als schwer behandelbar. Heute können sie mit Hilfe einer intensiven Psychotherapie effektiv behandelt werden. Auch gibt es wirksame Medikamente, mit denen zumindest eine teilweise Besserung erzielt werden kann.

                                                                                                                                          zurück...