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Krank durch Schlankheitskapseln

(27.4.2009) Der Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln zur Eigenversorgung boomt. Zunehmend erfolgt die Selbstbedienung auch mit in Deutschland verschreibungspflichtigen Substanzen aus weltweiter Produktion über das Internet.

Von Ulla Bettge

Die als „rein pflanzlich“ oder „traditionelle Medizin“ deklarierten Mittel suggerieren Verbrauchern Harmlosigkeit. Zu Unrecht, wie jetzt eine gemeinsame Studie der Giftinformationszentralen Freiburg und Göttingen klarstellt: „Pflanzliche Produkte sind keinesfalls ohne Risiko. Toxische Inhaltsstoffe der Pflanze, Kontaminationen beim Anbau, unsachgemäße Verarbeitung und unkritische Anwendung haben in zahlreichen Fällen zu unerwarteten Neben- und Wechselwirkungen geführt.“ Zu Vergiftungen, im Klartext. Zum Beispiel mit dem Wirkstoff Sibutramin in chinesischen Schlankheitskapseln.

Die Autoren Dr. Dieter Müller (Giftinformationszentrum Göttingen), Professor Wolfgang Weinmann (Institut für Rechtsmedizin,Universitätsklinikum Freiburg) und Dr. Maren Hermanns-Clausen (Vergiftungsinformationszentrale Universitätsklinikum Freiburg) analysierten 17 Vergiftungsfälle aus den Jahren 2005 bis 2008. Darunter eine 17jährige mit einem Körpergewicht von 40 Kilogramm, die fünf Wochen lang täglich eine bis drei Kapseln davon geschluckt hatte – und das, obwohl laut vorliegender Studie die Sibutramin-Dosis pro Kapsel fast doppelt so hoch war wie die Tagesmaximaldosis des in Deutschland als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassenen Wirkstoffs.

Die Vergiftungserscheinungen bei 15 Frauen im Alter von 14 bis 38 Jahren und bei zwei Männern unbekannten Alters wurden von „leicht“ über „mittel“ und „schwer“ bis zu „nicht beurteilbar“ eingestuft. Als häufigste Gesundheitsprobleme wurden unter anderem Unwohlsein, Herzrasen, Kopfschmerzen, Erbrechen, Schlafstörungen und Temperaturanstieg genannt. Ein Mann, der mit Psychopharmaka vorbehandelt war, musste infolge von Wechselwirkungen durch die Einnahme von Sibutramin wegen einer akuten Psychose stationär behandelt werden. Die Erfahrung der Autoren zeigt, dass „pflanzliche“ Präparate aus dem Internet aufgrund verharmlosender oder unverständlicher Informationen von Käufern nicht als Medikament eingeschätzt und deshalb sorglos konsumiert werden.

„Die von den Patienten angegebenen Symptome werden deshalb zunächst auch nicht als Nebenwirkung bei Überdosierung oder als schwerwiegende Wechselwirkung gedeutet.“ Nachdem im Jahre 2005 nachgewiesen werden konnte, dass als pflanzlich deklarierte Kapseln zum Abnehmen Sibutramin enthielten, alarmierte die Freiburger Vergiftungs-Informations-Zentrale die Überwachungsbehörden. Auch wenn im Jahr 2008 bei den Experten doppelt so viele Anfragen wegen Vergiftungserscheinungen nach Einnahme chinesischer Schlankheitskapseln eingingen wie im Vorjahr, halten die Fachleute die Dunkelziffer für „weit höher“.

Fazit: Unzureichende Deklarationenspflicht von Inhaltsstoffen und Dosis führen bei Verbrauchern zu Risikofehleinschätzungen und Vergiftungsgefahren. „Wünschenswert erscheint die Umsetzung einer Deklarationspflicht von Inhaltsstoffen und Dosis mit Überprüfung der Verkehrsfähigkeit des Produkts, insbesondere in den Ländern, in denen die Inhaltsstoffe als verschreibungspflichtig eingestuft sind und ein pharmazeutisch definiertes Arzneimittel zur Verfügung steht.“

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