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Im Land des Lächelns

(26.8.2009) Eine Freiburger Medizinstudentin macht ihr Pflegepraktikum jenseits der deutschen Krankenhausroutine. Hier berichtet die „Ärztin aus Deutschland“ über ihre Erfahrungen vom Pflegepraktikum in Thailand.

                                                                                             Von Johanna Maxeiner

Großmütterchen, wachen Sie auf, es ist schon morgen und das Essen ist da. Komm, machen Sie schon die Augen auf! Schauen Sie, der schöne Reisschleim, den es heute gibt!“ Zögernd öffnet die Alte ein Auge, noch verschlafen und unwillig und blinzelt umher. Plötzlich fällt ihr Blick auf mich und sie blickt mich erstaunt und ungläubig an. Mit einem Schlag scheint sie hellwach zu sein.

Als ich ihr zulächle, breitet sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus. Sie schaut mich noch einen Augenblick an und wirft dann ihrem Sohn, der mit einem Schälchen voll Reisschleim neben mir steht, einen Blick zu, voll Verwunderung und gleichzeitig voll Freude darüber, hier, in einem Krankenhaus im Norden Thailands von einem Mädchen mit „goldenem Haar“ geweckt zu werden, die auch noch Thai mit ihr sprechen kann.

Da tritt auch schon eine Krankenschwester durch die halb geöffnete Schiebetür, die den kleinen, durch Glas und Vorhänge von den Nachbarzimmern getrennten Raum mit dem Flur der Intensivstation verbindet. Sie eröffnet der alten Dame, dass sie heute besonderes Glück habe, da sich neben ihr, der Schwester, auch die „Ärztin aus Deutschland“ um sie kümmern werde.

Zwar habe ich erst das erste Semester meines Medizinstudiums hinter mir und absolviere hier ein Pflegepraktikum, aber trotzdem werde ich von den Schwestern als die „kleine deutsche Ärztin“ vorgestellt, was die Patienten stets mit Stolz zu erfüllen scheint, wenn ich ihnen die Temperatur messe, Puls und Blutdruck kontrolliere oder auch einmal eine Spritze gebe.

Mehr Pfleger als Patienten

Das Chiangmai-Ram Hospital ist ein privates Krankenhaus in Chiangmai, der größten Stadt im Norden Thailands, und gilt als die beste Klinik der Region. Der medizinische Service, der hier geboten wird, entspricht in etwa den Leistungen, die man in einem deutschen Krankenhaus erwarten kann. Da jedoch Personal in Thailand günstig ist, gibt es viel mehr Schwestern als in einem vergleichbaren deutschen Haus, die zudem noch von Schwesternhelferinnen unterstützt werden. Selbst wenn die Intensivstation voll belegt ist, muss eine Schwester, unterstützt von einer Helferin, nicht mehr als drei Patienten betreuen und jetzt, kurz vor dem Thailändischen Neujahrsfest, sind oft nur vier Patienten hier, denn wer möchte schon eines der wichtigsten Feste im Krankenhaus verbringen?

thailand2

So sind oft mehr Schwestern als Patienten auf der Station, was für mich praktisch ist, da sie sich so die Zeit nehmen können, mir alles genau zu erklären. Unter ihrer Aufsicht darf ich die Spritzen aufziehen und Infusionen vorbereiten, auch wenn ich dazu länger brauche als sie. Außerdem muss ich auch nicht immer auf der Station bleiben, um zu helfen, sondern darf die Patienten auch zu verschiedenen Untersuchungen und Eingriffen begleiten. Auch die Ärzte sind sehr freundlich zu mir und nehmen sich nach der Visite oft noch Zeit, um mir den Gesundheitszustand des Patienten genau zu erklären und mir ihre Therapiepläne darzulegen.Oder sie nehmen mich mit und zeigen mir besonders interessante Fälle.

Aber nicht nur in medizinischer Sicht ist hier viel für mich zu lernen. Mindestens ebenso interessant ist es, die Umgangsweisen der Menschen miteinander zu beobachten und mich an ihr Verhalten anzupassen. Wie fein abgestimmt ist hier die Palette der Höflichkeitsbekundungen, mit denen jeder seinem Stande gemäß bedacht wird. Groß ist hier der Respekt, der den Ärzten entgegengebracht wird und selbst ich als Medizinstudentin werde oft fast ehrfürchtig behandelt, was die Schwestern jedoch nicht daran hindert, den ein oder anderen Scherz mit mir zu treiben.

Zwei-Klassen-System

Den Managern, die das Krankenhaus betreiben, gehört noch ein weiteres Krankenhaus in der Stadt, welches weniger gut ausgestattet ist, dafür aber auch Patienten mit einem niedrigeren Einkommen offen steht. Manche der Ärzte sind in beiden Häusern tätig und so nimmt mich einer von ihnen auch in das andere Krankenhaus mit, wo wir einen Patienten besuchen, der unter Drogeneinfluss von einem Baum gefallen ist und sich dabei an der Wirbelsäule verletzt hat. Er ist zwar wach, jedoch nicht ganz klar bei Bewusstsein. Wie unsanft gehen die Pfleger und auch der Arzt mit dem einfachen Arbeiter um und wie herablassend, geradezu unfreundlich sprechen sie ihn an! Drüben, im Privatkrankenhaus, ist ein Patient, der ebenfalls nach Drogen bzw. Alkoholmissbrauch auf der Intensivstation liegt. Aber wie viel freundlicher wird er behandelt, nur weil er aus einer angesehenen Familie stammt.

Infokasten

Der Artikel "Im Land des Lächelns" erschien erstmals im "Appendix", dem Magazin für Medizinstudenten in Freiburg.

Die Homepage von "Appendix" finden Sie hier...

Dabei hält mir gerade der Arzt, den ich begleiten durfte, auf dem Rückweg zum Chiangmai-Ram Hospital einen Vortrag darüber, wie wichtig es ist, alle Patienten unabhängig von ihrer Herkunft gleich zu behandeln. Ihm scheint der Unterschied in seinem Verhalten den verschiedenen Patienten gegenüber gar nicht bewusst zu sein. Gelingt es eigentlich deutschen Ärzten, frage ich mich, allen ihren Patienten gleich respektvoll zu begegnen? Die Thais sind jedoch nicht nur respektvoll, sondern vor allem freundlich. Wie sehr können besorgte Angehörige durch ein Lächeln ermuntert werden und selbst den Patienten nimmt ein freundliches Wort und einen ermunternder Blick einen Teil ihrer Angst vor dem anstehenden Eingriff.

Mehr als tausend Worte

Das ganze Krankenhaus scheint die „kleine deutsche Ärztin“ zu kennen und wo ich auch hinkomme, werde ich mit einem Lächeln begrüßt. Selbst die Patienten oder die Verkäufer, die vor dem Krankenhaus an verschiedenen Straßenständen Essen feilbieten, lächeln mich an. Sie kennen mich nicht, aber ich erwidere ihre Geste. Wie griesgrämig laufen im Vergleich dazu die meisten Deutschen durch die Welt, obwohl das Lächeln gerade in einem Krankenhaus eine viel freundlichere, entspanntere Atmosphäre schaffen kann, als ernste und angespannte Gesichter. Als ich zwei Wochen später dem Beamten an der Passkontrolle mit einem Lächeln und einem freundlichen „Guten Morgen!“ meinen Reisepass reiche und nur einen unwirschen Blick ernte, weiß ich, dass ich wieder in Deutschland bin.

                                                                                                                                                zurück...