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Wir überwinden Grenzen

Grundlagen zur betrieblichen Suchtprävention bei Ärztinnen und Ärzten am Universitätsklinikum Freiburg

Ärzt/innen sind mit der Linderung und Heilung von Krankheiten und Gebrechen anderer Menschen beschäftigt. Das Selbstbild und auch die Rollenerwartung sind durch Gesundheit, hohe Leistungsfähigkeit und allzeitige Einsatzbereitschaft charakterisiert. Hohe Funktionstüchtigkeit verbunden mit Zurückstellung persönlicher Bedürfnisse wird erwartet. Die Ärzt/innen sind mit hohem Verantwortungsdruck vor allem in Extremsituationen, dem Risiko von Fehlern, sowie emotionalen Belastungen durch die Schicksale ihrer Patienten und deren psychische Folgewirkungen konfrontiert.

Gleichzeitig fällt es Ärzt/innen oft schwer, die eigenen Grenzen und den eigenen Hilfebedarf zu erkennen und anzuerkennen. Daher wird die eigene Notlage erst sehr spät oder gar nicht wahrgenommen. Das Risiko für arbeitsbezogene Störungen und psychische Krisen steigt, insbesondere für Burn out/Depression, psychosomatische Erkrankungen und Arzneimittel- und Drogenmissbrauch bzw. –abhängigkeit.

Letzteres wird durch die unkomplizierte Verfügbarkeit am Arbeitsplatz und durch Selbstverordnung bei Ärzten zusätzlich vereinfacht. Die Angst vor Indiskretion, Rufschädigung, Bloßstellung und dem Verlust der Approbation ist groß, sodass selbst schwer depressive und suizidale Ärzte oft zu lange warten. Dies führt bei Ärzten zu einem 3-fach erhöhten, bei Ärztinnen gar zu einem 5-fach erhöhten Suizidrisiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung.

Die Unsicherheit sowohl auf Seiten der Betroffenen als auch deren Vorgesetzten z.B. hinsichtlich möglicher arbeits- und berufsrechtlicher Konsequenzen (Weiterbeschäftigung, Verlust der Approbation) erschwert einen offenen konstruktiven Umgang. Wegen der existentiellen Ängste betroffener suchtgefährdeter Ärzt/innen sind für dieses sensible Thema zielgenaue Informations- und Aufklärungsstrategien, ein offener Umgang mit dem Thema Ärztegesundheit und Suchtgefährdung sowie spezifisch auf die Berufsgruppe der Ärzt/innen und ihre besondere Situation zugeschnittene Hilfsmaßnahmen erforderlich.

Die Zusicherung der Weiterbeschäftigung ist eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche innerbetriebliche Interventionen. Gerade auch aus suchtmedizinischer Sicht ist es für das Eingestehen der eigenen Erkrankung, die Entwicklung einer Behandlungsbereitschaft sowie eine erfolgreiche Rehabilitation zwingend notwendig, dass die Fortsetzung der bisherigen Tätigkeit garantiert wird.

Deshalb enthält der Beschluss des Klinikumsvorstandes vom 29.01.2020 die Zusicherung einer verlässlichen Unterstützung von Sucht betroffener ärztlicher Mitarbeiter*innen zum Erreichen des zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Suchterkrankung bestehenden Qualifikationszieles (z.B. Facharzt, Habilitation etc.) im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten.

Auszüge aus dem gleichlautenden Beschluss des Arbeitskreises betriebliche Suchtprävention v. 23.10.2019

Grundlage aller Maßnahmen ist die Anerkennung von Sucht als Krankheit in seiner medizinischen sowie sozial- und arbeitsrechtlichen Bedeutung mit der obersten Maxime „Helfen statt Strafen“, d.h. fachliche Hilfs- und Behandlungsangebote gehen immer arbeitsrechtlichen Konsequenzen voraus. Ziel ist die Beendigung des Suchtverhaltens als Voraussetzung einer Genesung und die Wiederherstellung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Wichtige Instrumente hierfür sind eine umfassende und nachhaltige Informations- und Aufklärungsarbeit sowie strukturierte Hilfen und ein gestuftes Interventionsprogramm. Ziel muss es sein, durch niedrigschwellige, verlässliche, transparente und passgenaue Angebote Ängste und Stigmabefürchtungen zu reduzieren und möglichst früh die Inanspruchnahme professioneller Hilfe zu ermöglichen.

Auszüge aus dem gleichlautenden Beschluss des Arbeitskreises betriebliche Suchtprävention v. 23.10.2019

Das Thema suchterkrankte Ärzt/innen wurde zuerst in den USA aufgegriffen. Die American Medical Association (AMA) hatte bereits 1972 eine Diskussion des Themas eingeleitet und früh auf die ethische Dimension hingewiesen. Diese progressive Entwicklung in den USA hatte lange Zeit keinen signifikanten Einfluss auf die Situation in Deutschland. Trotz vordergründiger  Anerkennung der Sucht als Krankheit wurde meist mit moralischer Bewertung und restriktiven Ansätzen bis hin zur Entfernung aus dem Beruf reagiert. Die Bundesärztekammer erarbeitete schließlich 1999 ihre erste Stellungnahme zu Hilfen für abhängige Ärzt/innen. Im Jahr 2004 folgte die Empfehlung an alle Landesärztekammern, Interventionsprogramme für abhängige Ärzt*innen zu implementieren (siehe Beschluss der LÄK BW v. Sept. 2006).

Angesichts des Aufbaus von vernetzten Hilfesystemen in den USA unternehmen inzwischen Ärzteorganisationen vieler europäischer Staaten große Anstrengungen zur Entwicklung von umfassenden Unterstützungssystemen für betroffene Ärzte.

Einen richtungsweisenden aktuellen Impuls gibt die im Oktober 2017 überarbeitete Fassung der Genfer Deklaration des Weltärztebundes in dem hinzugefügten Leitmotiv:

„Ich werde auf meine Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Fähigkeiten achten, um auf höchstem Niveau zu behandeln.“

Die eingeforderte Introspektion ist ein deutlicher Paradigmenwechsel. Subjektive oder tatsächliche Überforderung, berufliche Krisen und psychische Belastungen sind als „normale“ und nahezu unvermeidliche Reaktionen auf die anspruchsvollen und mit hohem Stressrisiko behafteten Arbeitsbedingungen in der Medizin zu verstehen.

Auszüge aus dem gleichlautenden Beschluss des Arbeitskreises betriebliche Suchtprävention v. 23.10.2019

Beratende

Prof. Dr. Sabine Hellwig
Suchtbeauftragte für den ärztlichen Dienst

Telefon: 0761 270-61222  (AB)
sabine.hellwig@uniklinik-freiburg.de

Mo. bis Fr. von 9.00 bis 15.00 Uhr,
Gesprächstermine nach telefonischer Vereinbarung.

Außerhalb unserer Kontaktzeiten nimmt unser Anrufbeantworter Nachrichten entgegen.

In Notfällen wenden Sie sich bitte an die Psychiatrische Ambulanz des UKF
Telefon: 0761 270-65010 
(24-Std. besetzt)