Zu den Inhalten springen

Wir überwinden Grenzen

"Die Dosis macht das Gift"

Toxikologie

Die vermeintlich "weiche Droge" auf dem Prüfstand - Wie gefährlich ist Cannabis wirklich? (Foto: ststoev/Fotolia)

Die angeblichen Cannabis-Toten sorgen für einen internationalen medialen Hype. Prof. Dr. Volker Auwärter stellt sich im Interview der aktuellen Debatte und gibt einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand.

Seit gut einer Woche geistert nun schon das verblüffende Ergebnis eines Fallberichts aus der englischen Fachzeitschrift Forensic Science International durch die internationalen Medien und sorgt in so manchen Pathologiesälen für reichlich Furore. Laut der Fallstudie heißt es, dass deutsche Wissenschaftler der Auffassung sind, weltweit die ersten Todesfälle auf den Konsum von Cannabis und den darin enthaltenen Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) zurückführen zu können. Dies löste in den Medien eine Diskussion über die Gefahren von Cannabis und die vielerorts bereits umgesetzte Liberalisierung des Umgangs mit der vermeintlich „weichen Droge“ aus. Im Jahr 2012 wurden laut Techniker Krankenkasse 10.142 Menschen mit der Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide“ in deutschen Kliniken behandelt. Das sind rund 28 Personen pro Tag.

Im Fokus: Ist der Konsum von Cannabis wirklich tödlich?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Eine akute Gefahr für das Leben droht Personen ohne ernste Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems bei einem Konsum von Cannabis erstmal nicht. Es hat sich in den vergangenen Jahren vielmehr als sicheres und pharmakologisch interessantes Medikament bewährt. Doch natürlich gilt auch für Cannabis, dass die Dosis das Gift macht. Allerdings bräuchte man unrealistisch große Mengen, um an einer Cannabis-Vergiftung zu sterben. Ein solcher Fall ist bisher auch noch nicht beschrieben worden.

Im Fokus: Wie bewerten Sie die aktuelle Debatte über die „Cannabis-Toten“ in den Medien?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Die Schlagzeilen der Tagespresse haben wenig mit dem eigentlichen Inhalt der Fallstudie zu tun. In dem Bericht wird lediglich von der Möglichkeit, dass Cannabis todesursächlich gewesen sein könnte, gesprochen. Durch die reißerischen Schlagzeilen, wie beispielsweise Totgekifft!, wird die meiner Meinung nach sinnvolle Debatte zur Liberalisierung des Umgangs mit Cannabis unnötig emotional aufgeheizt. Das steht einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema entgegen.

Unnötige emotionale Zuspitzung der Cannabisdebatte durch die Medien

Im Fokus: Wie bewerten Sie den Einsatz von Cannabis als Medikament in der Medizin?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Cannabis, beiziehungsweise der Cannabishauptwirkstoff THC, ist durchaus ein nützliches Medikament, das sich für verschiedene Krankheiten als therapeutisch sinnvoll erwiesen hat. So hat es beispielsweise bei Multiple-Sklerose-Patienten, die an Spastik leiden, eine erstaunlich positive Wirkung. Durch die Anwendung von Cannabis werden die Muskeln entspannt und somit bei vielen Patienten die Spastiken deutlich reduziert. Auch die appetitsteigernde Wirkung von Cannabis kann therapeutisch genutzt werden. Nicht zuletzt wird Cannabis auch zur Behandlung bestimmter Arten chronischer Schmerzen eingesetzt.

Im Fokus: Was halten Sie von einer möglichen Legalisierung von Cannabis in Deutschland?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Ich bin in dieser Frage gegen eine Schwarz-Weiß-Debatte. Eine Legalisierung ohne flankierende Maßnahmen wäre sicherlich nicht sinnvoll, da sie zu einem starken Anstieg der Konsumentenzahlen führen könnte. Andererseits gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Konsumenten, die sich offensichtlich durch die Strafandrohung nicht vom Konsum abhalten lässt und keine ernsthaften negativen gesundheitlichen Folgen erfährt. Grundsätzlich würde ich daher eine Liberalisierung des Umgangs mit Cannabis befürworten, da ich der Überzeugung bin, dass in der Summe die gesundheitspolitischen und volkswirtschaftlichen positiven Effekte überwiegen würden. Sofern flankierende Maßnahmen wie ein wirksamer Jugendschutz und eine fundierte und vor allen Dingen realistische Aufklärung über die Risiken umgesetzt werden.

Im Fokus: Was sind die aktuellen Freiburger Forschungsschwerpunkte?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Seit 2008 liegt ein Schwerpunkt unserer Arbeit auf der Identifizierung und dem analytischen Nachweis neuer synthetischer Cannabinoide, die oft unter der Bezeichnung Spice zusammengefasst werden. Auf diesem Gebiet gehören wir zu den führenden Instituten weltweit. Seit 2011 koordinieren wir ein EU-Projekt, in das unter anderem das Bundeskriminalamt (BKA) und Partner aus Finnland und Österreich eingebunden sind. Das Projekt beschäftigt sich vor allem mit der toxikologischen Erforschung dieser Substanzen und weiterer neuer Drogen.

Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt im Rahmen eines EU-Projekts

Im Fokus: Ist aktuell eine neue „Trenddroge“ auszumachen?

Prof. Dr. Volker Auwärter: In den letzten Jahren haben sich vor allem die sogenannten Legal Highs etabliert, die im Internet noch uneingeschränkt bestellbar sind. Weitere Infos zu den Legal Highs finden Sie in der Infobox.

Im Fokus: An welcher Droge sterben die meisten Menschen in Freiburg und in ganz Deutschland?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Wenn man die legalen Drogen Alkohol und Nikotin ausklammert, gehen in Freiburg die meisten drogenbedingten Todesfälle auf eine Überdosierung von Opiaten und Opioiden zurück. Neben Heroin spielen dabei auch zunehmend Substitutionsmittel für Opiatabhängige wie Methadon oder Fentanyl eine große Rolle. Das liegt unter anderem daran, dass diese Medikamente auch illegal gehandelt, als Rauschmittel missbraucht und nicht selten in Kombination mit Alkohol und weiteren Medikamenten konsumiert werden. Letztendlich ist es meist nicht eine Droge die zum Tode führt, sondern eine Kombination mehrerer Wirksubstanzen.

Im Fokus: Hatten Sie schon einmal einen mysteriösen Fall, der vielleicht bis heute noch ungeklärt ist?

Prof. Dr. Volker Auwärter: Einen Fall, den ich nie vergessen werde, ist der bis heute ungeklärte Tod zweier Mittzwanziger, die zusammen in einer Werkstatt arbeiteten, aber unabhängig voneinander am selben Tag zu Hause gestorben sind. Wir haben unser gesamtes Repertoire ausgeschöpft, um eine mögliche Todesursache festzustellen. Bis heute haben wir aber keine plausible Erklärung gefunden.


Prof. Dr. Volker Auwärter ist seit 2006 am Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg beschäftigt und leitet dort den Bereich der forensischen Toxikologie. Einen Schwerpunkt seiner Forschung stellen die natürlichen und synthetischen Cannabinoide dar. Auf diesem Gebiet zählt die Freiburger Toxikologie mittlerweile zu den Renommiertesten weltweit. 


Was sind “Legal Highs”?
Unter dieser Bezeichnung werden Substanzen und Produkte zusammengefasst, die als Rauschmittel konsumiert werden können und nicht den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetztes (BtMG) unterliegen. Die Bezeichnung ist jedoch insofern irreführend, als der Verkauf beziehungsweise die Abgabe an Dritte als Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz geahndet werden kann und mithin nicht legal ist. Erwerb und Besitz bleiben hingegen straffrei.

Welche Wirkungen haben sie?
Das hängt von der einzelnen Substanz ab. Eine große Gruppe besteht aus den synthetischen Cannabinoiden, die in einem geeigneten Dosisbereich cannabisähnliche Wirkungen verursachen. Es gibt aber auch Substanzen aus dem Bereich der Stimulanzien, die wie Amphetamin, Cocain oder Ecstasy (MDMA) wirken. Daneben sind auch potente Halluzinogene und Wirkstoffe, die bekannten Medikamentenwirkstoffen ähneln (Benzodiazepine, Opioide), zu finden. Schließlich fallen auch einige pflanzliche Drogen wie zum Beispiel Kratom in diese Kategorie.

Was sind die Gefahren, die von den „Legal Highs“ ausgehen?
Auch diese Frage kann nicht generell beantwortet werden, sondern nur in Bezug auf Einzelsubstanzen. Für die synthetischen Cannabinoide gilt, dass die meisten Vertreter dieser Stoffklasse ein wesentlich höheres Gefahrenpotential aufweisen als Cannabis, da sie wesentlich stärker wirken und deshalb viel schneller zu gefährlichen Nebenwirkungen führen können. Bei den Stimulanzien ist im Wesentlichen von ähnlichen Gefahren wie bei Konsum von Amphetamin und Ecstasy auszugehen (Krampfanfälle, Hyperthermie etc.). Eine der Hauptgefahren der Legal Highs besteht darin, dass man als Konsument in der Regel nicht weiß, was genau man erhält. Dadurch wird es extrem schwierig, die „richtige“ Dosis und die zu erwartende Wirkung abzuschätzen.

Wie haben sich diese Drogen in den letzten Jahren verbreitet?
In Deutschland spielen bisher vor allem die synthetischen Cannabinoide, die als Cannabisersatz konsumiert werden, eine größere Rolle, wobei die Verbreitung seit einigen Jahren relativ stabil zu bleiben scheint. Die Stimulanzien holen in den letzten Jahren allerdings langsam auf.

zurück

Suche nach Artikeln

Universitätsklinikum Freiburg

Zentrale Information
Telefon: 0761 270-0
info@uniklinik-freiburg.de    

 

Unternehmenskommunikation

Breisacher Straße 153
79110 Freiburg
Telefon: 0761 270-84830
Telefax: 0761 270-9619030
kommunikation@uniklinik-freiburg.de