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Wir überwinden Grenzen

Mit Achtsamkeit bewusst im Hier und Jetzt

Psychosomatik
Steine sind ausbalanciert übereinandergestapelt

Die Dinge so zu akzeptieren, wie sie gerade sind, bringt Zufriedenheit - das ist Achtsamkeit (Foto: Fotoschlick/Fotolia)

Achtsamkeit ist momentan in aller Munde und gilt als Allzweckmittel gegen Stress. Im Kern geht es darum, eine Haltung zu entwickeln, die hilft, auch mit belastenden Situationen konstruktiv umzugehen. Dieser ursprünglich buddhistische Ansatz wird heute in vielen klinischen Kontexten angewandt. Am Universitätsklinikum Freiburg wird vor allem Achtsamkeitsforschung betrieben. Professor Dr. Stefan Schmidt, Leiter der Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, erklärt das Prinzip „Achtsamkeit“.  

Herr Professor Schmidt, was ist Achtsamkeit?  
Achtsamkeit ist etwas, das man erfährt, erlebt und praktiziert, deswegen ist es schwierig, darüber zu sprechen. Über verliebt sein zu reden, ist ähnlich. Achtsamkeit ist eine bestimmte Grundhaltung, mit der ich dem gesamten Leben und damit auch mir selbst gegenübertrete. Diese Haltung ist geprägt davon, dass ich mir bewusst bin, was gerade geschieht und was ich gerade tue. Das wird oft mit „im Hier und Jetzt sein“ beschrieben. Dazu kommt, dass man versucht, sich einer Wertung zu enthalten und an alle Handlungen und Erlebnisse mit einer offenen und neugierigen Haltung herantritt. Das hat auch viel mit einer unvoreingenommenen Selbstbeobachtung zu tun. Durch Achtsamkeit kann ich dann erkennen, was eine förderliche Selbsthaltung für mich ist, durch die ich Leid, Stress und Schmerzen minimieren kann.  

Können Sie ein Beispiel für das Sich-Selbst-Beobachten nennen?  
Ich habe mal darauf geachtet, was ich mache, wenn ich mich hungrig an einem Buffet bediene oder wenn ich hungrig in den Supermarkt gehe. Das sind sehr anschauliche Beispiele dafür, was mit uns passiert, wenn ein Überangebot vorhanden ist. Wir Menschen können uns bei Überfluss nur schlecht selbst regulieren. In beiden Fällen habe ich viel mehr genommen, als ich hätte essen können. Durch Achtsamkeit lerne ich mit diesen Situationen bewusst umzugehen und mich von automatischen Handlungen zu befreien.  


Aktuelles Forschungsprojekt

In einer Pilotstudie konnte das Team von Professor Schmidt zeigen, dass Migränepatienten nach einem Achtsamkeitskurs viel weniger von ihren Migräneattacken beeinträchtigt waren und viel weniger Anfallsmedikation eingenommen haben als Patienten einer Kontrollgruppe. Auf dieser Basis wollen die Forscher nun ein umfassenderes spezifisches Achtsamkeitsprogramm bei Migräne durchführen und in einer großen Studie in Berlin und Freiburg evaluieren. Das Ziel ist, Migränikern in Zukunft eine wirksame, nicht-medikamentöse Prophylaxe anzubieten. Für diese Studie werden noch Probanden gesucht. Weitere Infos finden Sie hier


Wie kann Achtsamkeit bei der Bewältigung von Alltagssituationen helfen?  
Ich wurde kürzlich mit dem Auto geblitzt, weil ich zu schnell gefahren bin. Als ich bemerkte, dass ich mich ärgerte, habe ich versucht, das, was passiert ist, zu akzeptieren. An der Situation konnte ich ja nichts mehr ändern, und billiger wird es auch nicht, wenn man sich noch stundenlang grämt. Ein Ziel der Achtsamkeit ist also, hilfreichere Wege zu finden, wie man mit etwas umgehen kann. Kurz formuliert geht es darum, Angenehmes loszulassen und Unangenehmes zu akzeptieren. Das klingt erst einmal paradox. Aber es zeigt sich, dass wir Menschen sehr oft Vorstellungen davon haben, wie etwas sein soll, und wenn es dann so ist, befriedigt es uns doch nicht oder nur sehr kurzfristig. Die Dinge so zu akzeptieren, wie sie gerade sind, bringt Zufriedenheit.  

Das klingt einfach, aber funktioniert das bei jedem?  
Man kann es erlernen, es ist eine Übung. Einen Zugang bietet das Achtsamkeitsprogramm „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR), das vielfach angeboten wird. Es kann einen ersten Einstieg zum Umgang mit belastenden Situationen bieten. Während des Kurses werden verschiedene Meditationstechniken erlernt. Ziel ist es, die achtsame Grundhaltung in der Meditation zu üben und dann in den Alltag zu übertragen. Achtsamkeit ist ein permanenter Übungsweg und ein ständiges Bewusstmachen von „was bewirkt was bei mir“. Im Idealfall sollte jeden Tag mindestens 20 Minuten geübt beziehungsweise meditiert werden. Natürlich muss man eine Grundoffenheit dem Prinzip gegenüber mitbringen.  

Wie kann der Erfolg von Achtsamkeitstraining gemessen werden?  
Man kann Teilnehmer an Achtsamkeitstraining nach ihrem Stress und psychischen Befinden befragen und dies mit einer Kontrollgruppe vergleichen. Es kommen aber auch die Elektroenzephalografie (EEG) genannte Hirnstrommessung oder bildgebende Verfahren zum Einsatz. Achtsamkeit wird neurobiologisch und neurophysiologisch wirksam und sichtbar. Solche Messungen verleihen dem Achtsamkeitstraining mehr Glaubwürdigkeit, was wichtig ist, damit das Prinzip nicht belächelt wird – was viele gerne tun. Das Gehirn ist wie ein Muskel, an dem man Trainingserfolge sehen kann, also auch die Effekte von Achtsamkeitsmeditation.  

Wie funktioniert Achtsamkeit im wissenschaftlichen Kontext?  
Wir konzentrieren uns zur Zeit darauf, wie durch Achtsamkeit Patienten mit chronischen Schmerzen geholfen werden kann. In den Programmen lernen die Patienten vor allem, wie sie mit Stress und den Folgen von chronischen Schmerzen besser umgehen können. Wir können durch Achtsamkeitspraxis den Schmerz selbst nur zum Teil reduzieren. Wichtiger ist aber, das aus dem Schmerz resultierende Leiden, zum Beispiel Verzweiflung, Angst und Depression, zu bewältigen. Die Frage ist, wie kann ich im Alltag mit meiner Krankheit umgehen und trotzdem glücklich sein? Aber wir arbeiten auch an einem Achtsamkeitsprogramm für Behandler, also Ärzte und Pflegende. Auch hier ist entscheidend, mit welcher Haltung sie den Patienten begegnen, es muss eine positive, heilsame Haltung sein – eine den Patienten zugewandte Haltung.

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