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Knochenschwund im Kiefer gezielt behandeln

Kieferchirurgie

Eine gute Mundhygiene und Vorsorge helfen dabei, das Risiko von Kieferschäden durch sogenannte Bisphosphonate zu verringern. © zilkovec / fotolia

(22.07.2016) Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an Osteoporose, auch Knochenschwund genannt. Auch bei den 200.000 bis 500.000 Patienten mit Knochenmetastasen und Knochenkrebs kommt es zu einem krankhaften Abbau des Knochengewebes. Sogenannte Bisphosphonate können diesen Knochenabbau stoppen. Doch manchmal verursachen die Medikamente schwere Kieferknochenschäden. Wie Arzt und Patient solchen Schäden vorbeugen können, welche Warnsignale einen Kieferknochenschaden ankündigen und wie eine mögliche Therapie aussieht, erklären Prof. Dr. Monika Engelhardt, Oberärztin an der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Freiburg, und Dr. Dr. Pit Jacob Voss, Oberarzt an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Freiburg.

Bisphosphonate stoppen den Knochenabbau

Ein Fünftel aller Osteoporosepatienten und die überwiegende Mehrheit der Patienten mit Krebszellen im Knochen wird mit Bisphosphonat-Medikamenten behandelt. Diese lagern sich erst an der Knochenoberfläche ab und werden dann von Knochen abbauenden Zellen aufgenommen. Dadurch sterben die Knochen-Abbau-Zellen ab, was zur Hemmung des Knochenabbaus führt. „Bisphosphonate werden seit Jahrzehnten sehr erfolgreich in der Therapie von Osteoporose und Knochenkrebs eingesetzt. Sie sind sehr wirksame Medikamente, um rasch und fortschreitende Knochenabbau-Prozesse aufzuhalten“, sagt Professor Engelhardt.

Generell gelten Bisphosphonate als sicher und relativ nebenwirkungsarm. Allerdings unterscheidet sich das Risiko je Dosierung und Darreichungsform. Osteoporose-Patienten nehmen meist Tabletten ein, da die benötigte Dosis im Gewebe weniger hoch sein muss. Hier sind schwere Komplikationen sehr selten. Krebspatienten benötigen aber meist höhere und länger verabreichte Dosierungen, weshalb oft eine Infusionstherapie nötig ist.

Werden keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen, entsteht bei fast bis zu jedem Fünften eine Kieferknochennekrose, also das krankhafte Absterben des Kieferknochens. „Die Ursachen sind noch immer nicht ganz geklärt. Es wird aber vermutet, dass Entzündungen der Zähne oder des Zahnfleischs dafür sorgen, dass das Bisphosphonat freigesetzt wird und dann auch das gesunde Knochengewebe sozusagen vergiftet“, sagt Professor Engelhardt. Auch Druckstellen durch Prothesen und zahnchirurgische Eingriffe können ein Auslöser sein.

Vorsorge und frühe Anzeichen ernst nehmen

Doch mit den richtigen Vorsichtsmaßnahmen treten Kiefernekrosen nur noch  deutlich seltener auf. Damit Zahnprobleme nicht während einer Bisphosphonat-Behandlung auftreten, sollten Betroffene unbedingt vor Beginn der Therapie ausführlich von einem Zahnarzt untersucht werden. Dabei kann es sogar sinnvoll sein, Zähne vorsorglich zu entfernen, die in einem sehr schlechten Zustand sind. „So können wir versteckte Infektionen vermeiden und die Eintrittspforte für Keime schließen“, sagt Dr. Voss.

Außerdem müssen die Patienten sowohl vor als auch während der Behandlung auf eine sehr gute Mundhygiene achten. „Ganz wichtig ist, dass die Patienten während einer Bisphosphonat-Behandlung den Zustand regelmäßig durch den Zahnarzt überprüfen lassen“, so Dr. Voss.

Hinweise auf eine Nekrose sind Schmerzen im Mund und Kieferbereich, Druckstellen unter den Zahnprothesen, Schwellungen, offene Schleimhautstellen oder Geschwüre. Auch lockere Zähne oder eine taube Lippe sollten als Anzeichen ernst genommen werden. Ist die Nekrose stark ausgeprägt, liegt der Knochen sogar ganz offen.

Erstmals aufgetreten sind Kiefernekrosen übrigens im 19. Jahrhundert bei Arbeitern in Streichholzfabriken. Der weiße Phosphor, der für die Zündköpfchen genutzt wurde, sorgte für die Vergiftung.

Mit Erfahrung und neuesten Techniken Nekrosen behandeln

Hat sich eine Kiefernekrose gebildet, sollte sie zügig von Fachleuten begutachtet werden. Die Therapie-Entscheidung erfordert viel Erfahrung: Kann zunächst noch abgewartet werden? Sind eine antibakterielle Mundspülung oder Antibiotika ausreichend? Oder steht der Knochen bereits offen und sollte durch einen chirurgischen Eingriff wieder mit Gewebe verdeckt werden? „Wir stellen immer wieder fest, dass eine frühe Operation sinnvoll ist. Ohne Operation heilt gerade einmal jede vierte Nekrose ab, mit Operation können wir fast jedem helfen“, sagt Dr. Voss.

Auch die Behandlungsleitlinien, an deren Weiterentwicklung Dr. Voss ist, empfehlen eine frühe Operation. Um den Behandlungserfolg weiter zu steigern, haben die Ärzte eine neue Operationstechnik entwickelt, mit der offene Knochenstellen dauerhaft abgedeckt werden. „Unser Verfahren verhindert Neuinfektionen des Knochen und stoppt dadurch die Nekrose“, sagt Dr. Voss.

Entscheidend ist, dass Bisphosphonat-Therapie und Zahnkontrolle eng aufeinander abgestimmt sind. „Die Zahnbehandlung sollte auf die Bisphosphonat-Therapie abgestimmt sein. Genauso lässt sich aber auch die Therapie für eine Zahnbehandlung unterbrechen, wenn es die Grunderkrankung zulässt“, sagt Professor Engelhardt. So lassen sich Nekrosen durch Vorsorge, gute Abstimmung zwischen den Fachbereichen und moderne Behandlungsmethoden interdisziplinär besser und erfolgreicher behandeln und können meist ausheilen.

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