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Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Laufende Projekte

Eine vollständige Übersicht erhalten Sie in der Forschungsdatenbank

 

 

 

 

Beschleunigung, Zeitverdichtung und Effizienz gehören zu den wichtigsten Leitfiguren unserer Zeit. Ihre Effekte verändern unsere Arbeitswelt, tragen zur globalen Umverteilung von wirtschaftlichen Ressourcen bei und lassen die Unruhe zum Signum der Moderne werden. Damit jedoch, so die Ausgangsthese des SFB 1015, wird Muße nicht zu einer historisch überholten Kategorie, sondern gewinnt im Gegenteil eine neue gesellschaftliche Bedeutung. Gerade Erfahrungen der Zeitverdichtung führen zu einem grundsätzlicheren Nachdenken über Freiräume in Gesellschaft und Wissenschaft, über Potentiale für Kreativität und Innovation, die sie freisetzen können, und über diejenigen anthropologischen Grundfragen, die in dem durch Muße erfahrenen Spannungsverhältnis zwischen Produktivität und Freiheit sichtbar werden.

Ein wesentliches Kennzeichen von Muße ist dabei ihr transgressiver Charakter. Muße überschreitet auf spannungsreiche Art und Weise Gegensätze wie Arbeit und Freizeit, Beschleunigung und Entschleunigung, Tätigkeit und Untätigkeit. Die für Muße charakteristischen Freiheitserfahrungen bleiben deshalb nicht isoliert und auf die Zeiten der Muße beschränkt, sondern können auf den Alltag zurückwirken – durch die Eröffnung eines Raums zur kritischen Reflexion, durch die Einübung neuer Erfahrungsweisen oder schon allein durch die Inkongruenz der begrenzten Autonomieerfahrung in Muße mit den häufig den Alltag prägenden Erfahrungsweisen der Zweckbestimmtheit. In Muße wird deshalb stets auch das Verhältnis von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Zweckbestimmung verhandelt, und es ist stets gesellschaftlich umstritten, wem unter welchen Umständen Muße zukommt und wie sich Muße und Produktivitätsnotwendigkeit zu einander verhalten.

Der SFB 1015 untersucht Kulturen der Muße systematisch, historisch und empirisch und rückt dabei in der zweiten Förderphase die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte des Themas noch stärker als bisher ins Zentrum. Die Analyse sehr unterschiedlicher historischer und gesellschaftlicher Praktiken sowie deren diskursiver Vermittlung und ästhetischer Codierungen soll die heutige Debatte um die Bereitstellung und Verwendung von Zeitressourcen schärfen, indem sie die anthropologischen Grundfragen, die mit ihr verbunden sind, erkennbar und genauer fassbar macht. Konkret werden Grenzen (Projektbereich G), Raumzeitlichkeit (Projektbereich R) und Praktiken (Projektbereich P) der Muße aus der Perspektive der Anglistik, Ethnologie, germanistischen Mediävistik, Humangeographie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Neueren deutschen Literaturgeschichte, Psychologie, Psychosomatischen Medizin, Slavistik, Theologie, Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie sowie der Wald- und Forstwissenschaft erforscht.

Teilprojekt P3 - Muße im Krankenhaus? Eine achtsamkeitsbasierte Intervention bei AssistenzärztInnen

Förderphase 2 Laufzeit 2017-2020

Dieses TP ist eine Fortsetzung und Erweiterung des TP A4 Muße in der Schule aus Förderphase 1. TP A4  gelang eine achtsamkeitsbasierte Intervention zur Anwendung, die im Kontext Schule einen Zugang zum Thema Muße schuf. Der erfahrungsbezogene Zugang zur Achtsamkeit als Modalität der Muße ermöglichte Schüler/innen und Lehrer/innen einen inneren Freiraum zur Herauslösung aus funktionalen und von Zeitdruck und Stress geprägten Zuständen. In Förderphase 2 soll dieser Ansatz weiterentwickelt und in einen von Zeitverdichtung und Leistungsdruck höchstmöglich geprägten Kontext übertragen werden - das Krankenhaus. Das geplante Projekt zielt belastbare Erkenntnisse über die Herstellbarkeit von mußeähnlichen Zuständen an, indem die achtsamkeitsbasierte Intervention um einen Fokus der  Mußeorientierung erweitert wird.  Anknüpfungspunkt für diese Erweiterung ist die Erkenntnis, dass eine Achtsamkeitspraxis, die alleinig die Ziele Stressbewältigung und Leistungssteigerung verfolgt, lediglich der Selbstoptimierung dient und somit in Funktionalisierung und Leistungsdenken verhaftet bleibt. In Förderphase 1 hat sich gezeigt, dass das Idealbild der Muße als entfunktionalisiertes, selbstbestimmtes und erfülltes Sein eine Orientierung für die Ausrichtung der Achtsamkeitspraxis in von Stress und Leistungsdruck geprägten Kontexten ist. Die Einbettung des Projekts in den SFB ermöglicht eine Ankerung der Achtsamkeit am Mußekonzept; u.a. hat sich als Ankerpunkt vor allem das gegenwartsorientierte Zeiterleben als wichtiger Faktor herausgeschält, das in der neuen Förderperiode verstärkt untersucht werden soll.

Zielgruppe der Intervention sind Assistenzärzt/innen. Bei ihnen handelt es sich um eine der am stärksten belasteten Berufsgruppen überhaupt, die eine der höchsten Prävalenzen an Burnout aufweisen. Das Projekt verfolgt das übergeordnete Ziel, über die Herstellung notwendiger innerpsychischen Bedingungen im von Profitmaximierung und Hochleistungsmedizin geprägten Kontext des Krankenhauses einen praxis- und erlebnisorientierten Fokus auf humanistische Aspekte medizinischen Handelns zu richten.

Das Teilprojekt strebt an, über eine auf dem Input aus dem SFB basierende, in Richtung Gesundheitsförderung/Kreativität/Eudaimonie erweiterte mußeorientierte Achtsamkeitspraxis Ärzten/innen an einen gegenwartsbezogenen Fokus heranzuführen, der von einer wahrgenommenen Verminderung zeitlichen Druckes und von Gelassenheit geprägt ist. Dies soll der ärztlichen Stressbewältigung, Gesundheit, Offenheit, Authentizität und Erfülltheit dienen, aber auch auf die Patient/innen ausstrahlen. Die multimethodale empirische Annäherung an Muße innerhalb dieses Projekts speist sich aus der im SFB herausgearbeiteten Offenheit der Muße, welche eine essentialistische Bestimmung der Muße zu kurz greifen lässt. Umgekehrt ist das vorliegende Projekt für den SFB unverzichtbarer Inputgeber von empirisch fest- und herstellbaren Mußeaspekten.

Konkret geplant ist (nach einer spezifizierenden Implementierungsstudie) eine randomisierte und kontrollierte Studie mit 176 Assistenzärzt/innen in mehreren Krankenhäusern. Die Ärzt/innen nehmen an einer mußeorientierten Achtsamkeitsintervention teil (Experimentalgruppe) oder erhalten in der Kontrollgruppe die gleiche Arbeitszeit zur freien Verfügung. Die Intervention besteht aus einem achtwöchigen Kurs mit wöchentlichen Terminen, in denen Muße thematisiert wird und verschiedene Achtsamkeitstechniken erlernt und geübt werden. Auf den Kurs folgt eine 10-monatige Erhaltungsphase. Zielkriterien sind (1) selbstberichtete, fragebogenbasierte Maße zu Zeiterleben, Burnout, Empathie, Stresserleben, psychische Befindlichkeit, Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Arbeits- und Lebenszufriedenheit, Offenheit, Erfülltheit; (2) halbstrukturierte qualitative Interviews mit Fokus auf Gelingendes Leben, Authentizität und Kreativität; (3) Fremdbeurteilungen durch Patienten/innen und Mitarbeiter/innen und (4) implizite, objektive, augen-, stimm-, tastatur- und mausbezogene sowie physiologische Maße (z.B. Implizite Verfahren zur Messung der Assoziation zwischen Arbeit und Zufriedenheit, Arbeitsunfähigkeitstage, disengaged mind Test).

Projektleitung:

Prof. Dr. Anja Göritz
https://www.psychologie.uni-freiburg.de/Members/goeritz

PD Dr. Stefan Schmidt
https://www.uniklinik-freiburg.de/psychosomatik/forschung/sektion-komplementaermedizinische-evaluationsforschung.html

Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen:
Johannes Fendel, M.Sc.-Psych.
https://www.sfb1015.uni-freiburg.de/personen/docs/johannes_fendel
N.N.

Wissenschaftliche Hilfskräfte:
Kiran Hug
Elina Kraemer
Susanne Rausch

Teilprojekt A4: ‚Muße im schulischen Kontext- Förderung von Muße, Kreativität und seelischer Gesundheit durch eine achtsamkeitsbasierte Intervention‘

Abgeschlossenes Projekt aus Förderphase 1 (2013-2016)

Der etymologische Ursprung der Schule liegt – im altgriechischen Wort scholé – in der Muße. Bedingt durch Zeittaktung, Zeitverdichtung und Leistungsdruck fehlt es dem Lebensraum Schule aber häufig an selbstbestimmten Gestaltungsfreiräumen und achtsamen Momenten. Damit im Zusammenhang steht eine hohe psychische Belastung bei Schüler/innen und Lehrer/innen. Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“ hat das Teilprojekt über eine achtsamkeitsbasierte Intervention ein Zugang zur Muße im schulischen Kontext geschaffen, mit dem Ziel seelische Gesundheit und Kreativität von Schüler/innen und Lehrer/innen zu fördern.

Folgende Fragen wurden hierbei untersucht:

  1. Inwieweit kann das Erleben von Muße bei Schüler/innen und Lehrer/innen durch eine achtsamkeitsbasierte Intervention herbeigeführt und gefördert werden?
  2. Welche Auswirkungen auf die Kreativität und Gesundheit von Schüler/innen und Lehrer/innen ergeben sich durch die Interventionen?

Der Zugang zum Phänomen der Muße ist in diesem Zusammenhang über die Haltung der Achtsamkeit erfolgt. Obwohl wissenschaftliche Studien bereits belegen, dass die Vermittlung von Achtsamkeit im Bildungsbereich mit vielfältigen positiven Effekten einhergeht, gibt es insbesondere im deutschsprachigen Raum noch kaum Studien zur Wirksamkeit von achtsamkeitsbasierten Interventionen im schulischen Kontext. Im Rahmen des Projektes wurden Schüler/innen der 11. Jahrgangsstufe und Lehrer/innen an drei Freiburger Gymnasien die Möglichkeit angeboten, freiwillig an einem kostenlosen Kurs für „Achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung“ (auf Englisch: „Mindfulness-Based Stress Reduction“, abgekürzt MBSR) teilzunehmen. Den Kern der Intervention bildeten acht zweistündige Kurseinheiten achtsamkeitsbasierter Stressbewältigung sowie ein ganztägiger Kurstag. Die Achtsamkeitskurse wurden von zertifizierten MBSR-Lehrer/innen durchgeführt.

Um die Auswirkungen der Interventionen wissenschaftlich zu begleiten, nahmen in einem kontrollierten Wartegruppendesign über drei Kohorten verteilt 73 Schüler/innen und 90 Lehrer/innen an der achtsamkeitsbasierten Intervention teil. Evaluiert wurden die Interventionen anhand eines mixed-method-Ansatzes mit quantitativen und qualitativen Methoden. Dabei kamen Testverfahren zur Erhebung von unterschiedlichen psychologischen Variablen zur Anwendung. Halbstrukturierte Einzelinterviews wurden durchgeführt, um das Erleben von Achtsamkeit und Muße sowie die dadurch bedingten Veränderungsprozesse – sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene – zu erfassen. Das Konzept der Muße diente dabei sowohl als hermeneutische Kategorie als auch als Untersuchungsobjekt. Messzeitpunkte waren vor und nach der Intervention sowie nach einem Follow-Up-Zeitraum von vier Monaten nach dem MBSR-Kurs. Das Projekt leistet somit einen Beitrag für gelingende Bildungsprozesse in einem gesundheitsfördernden schulischen Kontext, in dem Raum für Muße, Kreativität und Potentialentfaltung geschaffen wird. In diesem Sinn kann die Schule wieder mehr zu einem Ort der scholé werden.

Projektleiter:

 

Prof. Dr. Joachim Bauer
www.psychotherapie-prof-bauer.de

 

Prof. Dr. Stefan Schmidt
www.kompmed.uniklinik-freiburg.de

Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen:
Minh Tam Luong, Dipl.-Psych.
Sarah Gouda, M.Sc.-Psych.

Wissenschaftliche Hilfskräfte:
Bastian Heger
Britta Clasen

Kiran Hug

Elina Kraemer

Publikationen und Ergebnisse

Gouda, S., Luong, M. T., Schmidt, S., & Bauer, J. (2016). Students and Teachers Benefit from Mindfulness-Based Stress Reduction in a School-Embedded Pilot Study. Frontiers in Psychology, 590. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00590

Gouda, S. (2017) The Potential and Limits of Mindfulness for Teachers - A mixed-method investigation of a Mindfulness-Based Intervention in the school setting. Dissertation, eingereicht. hier

Luong, M. T. (2017). Wie wirkt sich ein in der Schule eingebetteter MBSR-Kurs auf Jugendliche aus? Eine Mixed-Method Studie. Dissertation, eingereicht. hier

 

Zur Natur des Bewusstseins: eine EEG-fMRT-Untersuchung und transdisziplinäre Perspektiven

Das Projekt setzt eine grundlegende Unterscheidung in der Erforschung des Bewusstseins voraus: Während in den Geisteswissenschaften, namentlich in der wissenschaftlichen Reflexion spiritueller und philosophischer Traditionen aller Zeiten, das Bewusstsein prinzipiell von der subjektiven Innenperspektive betrachtet wird, wird dieses in den Neurowissenschaften aus der intersubjektiven (also empirisch erhobenen) Außenperspektive angegangen. Die spirituelle und philosophische Praxis und Theorie des Bewusstseins unterscheidet sich von der neurowissenschaftlichen auch insofern, als diese beim Bewusstsein immer vom "Bewusstsein von etwas" ausgeht, während jene das Konzept eines "reinen", von jedem Inhalt befreiten Bewusstseins haben und es auch als Realität bezeugen. Diese Erfahrung eines reinen Bewusstseins stellt nach dem Urteil des Antragstellers eine minimale Grundform bewussten Erlebens dar und eröffnet "einen neu- und einzigartigen, direkten Zugang zum Verständnis des minimalen neuronalen Korrelats des bewussten Zustands an sich". Dieses neuronale Korrelat soll in einem Experiment mit 15 erfahrenen Meditationsexperten unterschiedlicher buddhistischer Traditionen genauer unter die Lupe genommen werden: Verglichen wird dabei das neuronale Korrelat der Meditationsexperten sowohl im Zustand des Bewusstseins mit Inhalt als auch in demjenigen des reinen Bewusstseins. In einer Kontrollgruppe mit Meditations-Novizen soll dasselbe gemacht werden. Mithilfe modernster neurowissenschaftlicher Methoden soll versucht werden, Unterschiede in den neuronalen Korrelaten beider Bewusstseinszustände aufzufinden. Besonderes Augenmerk soll hierbei Unterschieden in der Synchronisierung der Aktivität verschiedener Bereiche des Gehirns geschenkt werden. Die experimentelle Forschung soll begleitet werden mit interdisziplinären Dialogen mit Forschern und Praktizierenden, welche sich in ganz unterschiedlichen Bereichen mit dem Phänomen des Bewusstseins beschäftigt haben.

Förderung: Cogito & BIAL Stiftung

Leitung: Prof. Dr. phil. Stefan Schmidt

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen: 

Dipl. Psych. Ulf Winter

Dr. Isabel Ofer

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Hauptstraße 8
79104 Freiburg
Telefon: 0761 270-68050
Telefax: 0761 270-69430
psychosomatik.direktion
@uniklinik-freiburg.de


 

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Montag - Freitag 9 - 12 Uhr
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