Das Magazin 3 - 2019

DIGITALISIERUNG IN DER MEDIZIN Herr Professor Wenz, wann sind Sie zum ersten Mal auf das Thema Digitalisierung aufmerksam geworden? Schon in meinem ersten Pflegepraktikum in der Kardiologie hieß es bei der Chefvisite: „Der Patient muss digitalisiert werden.“ Im Frühjahr 1986 war damit allerdings noch ein Medikament aus der Klasse der Digitalisgly- koside gemeint. Mit der elektronischen Spei- cherung und Verarbeitung von Daten habe ich mich erstmals in meiner Schulzeit be- schäftigt, als ich mit einem Freund die Buch- haltungssoftware für die Firma seines Vaters programmierte. Im medizinischen Kontext wurde mir der Nutzen digitaler Lösungen endgültig bewusst, als ich für meine Doktor- arbeit 100.000 Zellen auszählen sollte – und stattdessen ein Bildverarbeitungsprogramm schrieb, das mir die Arbeit abnahm. Heute ist die Digitalisierung definitiv einer der entscheidenden Faktoren für qualitätszent- rierte Spitzenmedizin, weshalb wir sie am Universitätsklinikum Freiburg mit großem Engagement vorantreiben. Wie können Apps, Softwares und Datenbanken die medizinische Behandlung verbessern? In Weltregionen, in denen der nächste Fach- arzt weit entfernt ist, können Apps durchaus Überlebenschancen verbessern. So lässt sich per Smartphone auf Gebärmutterhalskrebs oder Mundhöhlen-Karzinome screenen. In Deutsch- land ist eines der nächsten Ziele Behandlungs- daten zu digitalisieren, mit intelligenter Soft- ware auszuwerten und für die Entwicklung noch wirksamerer Therapien zu nutzen. Mit elektronischen Patientenakten, automati- schen Anmeldeterminals und zahlreichen hier entwickelten Software-Lösungen steht das Universitätsklinikum Freiburg im deutschlandweiten Vergleich gut da. Wir sehen aber noch viel zusätzliches Potenzial, das wir im Schulterschluss mit klinischen Anwendern, IT-Experten und externen Part- nern heben wollen. Die digitale Transformation ist ein Prozess, der nicht nur innerhalb einzelner Krankenhäuser abläuft. Wie verändert er die Kliniklandschaft? Er bringt die einzelnen Akteure näher zusam- men. Um unserer Verantwortung für die Menschen in der Region gerecht zu werden, müssen wir uns digital vernetzen: innerhalb des Klinikums, aber auch mit niedergelasse- nen Kollegen und Partnerkrankenhäusern, um Informationen aus den universitären Zen- tren zu teilen und Hintergrundwissen über die Patienten einzuholen. So können Radiolo- gen per Ferndiagnose mittels digitaler Bildda- ten und intelligenter Software einschätzen, ob sich das Blutgerinnsel eines Schlaganfall- patienten im örtlichen Krankenhaus mit Medikamenten auflösen lässt oder ob die interventionelle Entfernung im Universitäts- klinikum unumgänglich ist. „Um unserer Verantwortung für die Menschen in der Region gerecht zu werden, müssen wir uns digital vernetzen.“ 4 das magazin 03 | 2019

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