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Wir überwinden Grenzen

Autismus: Therapieprogramm hilft Kindern und Jugendlichen

Psychiatrie

(12.06.2017) Gefühle richtig deuten, Mimik erkennen oder sich in sein Gegenüber einfühlen: Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung fällt dies sehr schwer. Durch das Freiburger Therapieprogramm TOMTASS können sie das Stück für Stück lernen.

Schon im frühesten Kindesalter verläuft die soziale Kommunikation von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung anders: Manche reden nur so viel, wie es im Alltag nötig ist, andere schweigen komplett und noch andere reden viel, ohne auf das Interesse des Gegenübers zu achten. Sie mögen immer wiederkehrende Abläufe und Rituale. Muss der Tag durch unerwartete Vorkommnisse umstrukturiert werden, reagieren Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung oft mit Wut, denn das bedeutet für sie Stress. Sich in einer Gruppe zu integrieren, fällt ihnen schwer, denn sie können Gefühle von anderen nicht automatisch und unbewusst deuten.

Mädchen lässt Teller fallen und wird dafür geschimpft.

Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung verstehen keine Ironie. Das Mädchen kann in diesem Fall den Kommentar des Vaters überhaupt nicht einordnen. © Universitätsklinikum Freiburg

„Es handelt sich um eine neuronale Entwicklungsstörung, die soziale Fertigkeiten und Wahrnehmungen grundlegend verändert. Ihr ‚Anderssein‘ liegt wie ein enges Unterkleid am Körper, das sie nicht ablegen können“, sagt Dr. Monica Biscaldi-Schäfer, geschäftsführende Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Freiburg.

Um Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung zu fördern, wurde das Freiburger Therapieprogramm TOMTASS ins Leben gerufen. Die Abkürzung steht für „Theory of Mind“-Training bei Autismus-Spektrum-Störungen. Unter Theory of Mind versteht man, dass sich jemand in sein Gegenüber einfühlen kann.

„In der Therapie erfahren die jungen Patienten, was genau Autismus bedeutet, damit sie ihre eigenen Schwächen erkennen und ihre Stärken im Alltag optimal einsetzen können“, sagt Dr. Biscaldi-Schäfer. Teilnehmen können Kinder im Alter von sieben bis zwölf oder Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren mit einer Autismus-Spektrum-Störung, die keine Intelligenzminderung und keine Sprachstörung haben. In dem Therapieprogramm, das aus acht Modulen besteht, begleiten zwei Therapeuten für sechs Monate eine Gruppe.

Die Kinder und Jugendlichen lernen viel über ihre persönlichen Eigenschaften kennen; welche Dinge sie besonders gut können und wo sie Hilfe brauchen. Des Weiteren erfahren sie, dass man über Gefühle anderen Menschen Dinge mitteilt und diese durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und eine bestimmte Betonung ausdrücken kann. Zum Beispiel durch ein Memory-Spiel, bei dem auf den Karten Gefühle erkannt werden müssen.

Comic: Junge beleidigt einen Mitschüler.

Anton hat eine falsche Antwort im Unterricht gegeben, Dennis beleidigt ihn. Viele Autisten wissen oft nicht, wie sie auf eine Beleidigung antworten sollen. Ihre Reaktion darauf kann unterschiedlich ausfallen, von Unbeholfenheit bis zu heftigen Wutausbrüchen © Universitätsklinikum Freiburg

Training durch Rollenspiele

Das Thema Kontaktaufnahme und Freundschaft spielt in der Therapie eine besonders große Rolle, da es fast allen Kindern und Jugendlichen mit einer autistischen Störung schwerfällt, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Durch Rollenspiele kann dies trainiert werden. „Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen haben oft eine sehr große Fantasie, die sie in den Rollenspielen sehr gut mit einbringen können“, sagt Dr. Biscaldi-Schäfer.

Um Eltern im Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen, wurde das Freiburger Elterntraining für Autismus-Spektrum-Störungen (FETASS) entwickelt. Dabei treffen sich Mütter und Väter zum Gruppentraining mit zwei Therapeuten für acht Sitzungen. Durch das Training lernen die Eltern auch, die Stärken ihrer Kinder zu fördern und einen Weg zu finden, der den Alltag etwas erleichtert. Ergebnisse einer ersten Auswertung beider Therapieprogramme zeigen eine Verbesserung der sozialen Fertigkeiten der Kinder sowie der Lebensqualität der Familie bei hoher Zufriedenheit mit den Trainingsinhalten.

Ausgeprägte Interessen

Dass Autisten in einem Bereich besonders hochbegabt sind und sich zum Beispiel tausende von Zahlenkombinationen merken können, kommt sehr selten vor. Vielmehr verbreitet ist die Spezialisierung auf einen bestimmten, oft naturwissenschaftlichen Bereich. Ob Tierwelt oder Weltall: Über ihr Lieblingsthema reden Autisten besonders gern, beim Thema Gefühle blocken sie ab.

Weitere Informationen:

Universitäres Zentrum Autismus Spektrum – Freiburg enthält umfassende Informationen zu Diagnostik, Sprechstunde und Literaturhinweise

(FK)

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