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Tollkirsche gegen Kurzsichtigkeit

Augenheilkunde

(19.11.2019) Wird ein Kind kurzsichtig, könnte ein Wirkstoff der Tollkirsche helfen. Die Atropin-Tropfen wirken besser als andere Methoden und haben in der Regel kaum Nebenwirkungen. Trotzdem sollten Eltern auf einige Punkte achten.

Die Zahl kurzsichtiger Kinder ist in den letzten Jahrzehnten weltweit stark angestiegen. „In Europa ist fast die Hälfte der Bevölkerung bis zum jungen Erwachsenenalter kurzsichtig. In hochentwickelten Teilen Asiens sind es sogar etwa 80 Prozent“, sagt Professor Dr. Wolf Lagrèze, Leitender Arzt der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung an der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg. Dieser Trend konnte bislang kaum aufgehalten werden. Jetzt zeigen neue Studien einen deutlichen Nutzen von Augentropfen mit Atropin, dem Wirkstoff der Tollkirsche.

Augentropfen mit dem Wirkstoff der Tollkirsche können bei Kindern eine stärker werdende Kurzsichtigkeit aufhalten. © Robert Przybysz / fotolia

Atropin bremst das übermäßige Wachstum des Augapfels

„Kurzsichtigkeit entwickelt sich bei Kindern, wenn der Augapfel übermäßig stark wächst. Atropin bremst dieses Wachstum“, erklärt Lagrèze. Atropin wird bereits seit langem in der Augenheilkunde eingesetzt, etwa um die Pupille beispielsweise nach Augenoperationen ruhigzustellen. Bei der Behandlung von Kurzsichtigkeit, medizinisch als Myopie bezeichnet, wird das Mittel aber etwa hundertfach stärker verdünnt als in der bisherigen Anwendung. „Aufgrund der niedrigen Dosierung lassen sich Nebenwirkungen wie Blendeffekte oder Nahsichtprobleme fast vollständig vermeiden“, sagt Lagrèze.

„Unter Atropin verstärkt sich die Kurzsichtigkeit im Schnitt nur halb so stark wie ohne Tropfen“, sagt Lagrèze. Zwar stammen die bislang vorliegenden großen Anwendungsstudien fast ausschließlich aus Asien und die Ergebnisse lassen sich nicht zwangsläufig auf europäische Kinder übertragen. In einer ersten Untersuchung in Deutschland zeigte der Freiburger Augenarzt bei 56 Schulkindern allerdings, dass eine einjährige Atropingabe die Kurzsichtigkeit fast vollständig aufhält. Aktuell bereitet Lagrèze gemeinsam mit dem Zentrum Klinische Studien des Universitätsklinikums Freiburg eine deutschlandweite klinische Studie vor, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.

Einfach anzuwenden, schwierig zu beziehen

Bislang ist Atropin in Deutschland nicht für die Behandlung von Myopie zugelassen,  sondern nur eine sogenannte Off-Label-Therapie möglich. Die Kosten werden nicht erstattet. Außerdem müssen die Atropintropfen in der entsprechenden Konzentration in speziellen Apotheken gemischt werden. „Es ist wichtig, dass die Augentropfen keine Konservierungsmittel enthalten, da diese beim Langzeitgebrauch sonst zu trockenen Augen führen können“, so der Freiburger Experte.

Lagrèze empfiehlt eine Atropinbehandlung ab einem Alter von 6 Jahren, falls die Verschlechterung mehr als 0,5 Dioptrien pro Jahr beträgt. Die Verabreichung ist äußerst einfach: Die Eltern geben je einen Tropfen in jedes Auge. Leichte Nebenwirkungen sind in der Regel am nächsten Tag verschwunden.

Auch Tageslicht und ausreichender Leseabstand beugen vor

Es gibt auch noch weitere wirksame Möglichkeiten, um eine Myopie aufzuhalten oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Eine ist der Aufenthalt im Freien. „Tageslicht bremst das übermäßige Augenwachstum. Wenn die Kinder mindestens zwei Stunden täglich im Freien sind, wirkt sich das positiv auf die Kurzsichtigkeit aus“, so Lagrèze. Auch sollte der Leseabstand mindestens 30 Zentimeter betragen.

Kurzsichtigkeit – keine Krankheit, aber ein Risiko

Zwar gilt Myopie an sich nicht als Krankheit, sie ist aber ein Risikofaktor für viele spätere Erkrankungen wie Grüner Star, Grauer Star, Makuladegeneration und Netzhautablösung. „Um Spätfolgen zu vermeiden, ist es sinnvoll, dem Fortschreiten der Kurzsichtigkeit im Kindes- Jugendalter entgegenzuwirken“, sagt der Freiburger Experte.

Wissenschaftliche Arbeiten zum Thema:

Preventing Myopia:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=28927495

A Pilot Study on the Efficacy and Safety of 0.01% Atropine in German Schoolchildren with Progressive Myopia.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=31190219

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