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Wir überwinden Grenzen

Schwindelattacke nach deftigem Essen

Allergologie

(27.04.2016) Michael Huber* fühlt sich eigentlich gesund. Doch von Zeit zu Zeit wird er von einer inneren Unruhe erfasst, bekommt Ausschläge, Hautrötungen und Atemnot. Zweimal wird ihm sogar schwindelig und er bricht bewusstlos zusammen. Der Patient vermutet eine Allergie auf Nahrungsmittel-Zusatzstoffe und wendet sich an die Ambulanz der Klinik für Dermatologie und Venerologie des Universitätsklinikums Freiburg. Doch entsprechende Tests bleiben negativ. „Die Reaktionen traten erst einige Stunden nach einer Mahlzeit auf. Das ist für eine allergische Reaktion eigentlich ungewöhnlich“, sagt Dr. Sabine Müller, Funktionsoberärztin an der Klinik für Dermatologie und Venerologie und kommissarische Leiterin der Allergie-Ambulanz.

Trotzdem gehen die Ärzte dem Verdacht weiter nach. Der Patient führt in der Folge ein Ernährungstagebuch. Sogar die Rezepte notiert er detailliert. Dabei zeigt sich: vor dem Unwohlsein hat er meist Fleisch oder Wurstwaren gegessen, oft kombiniert mit Alkohol oder körperlicher Anstrengung. „Allergische Reaktionen treten in manchen Fällen erst im Zusammenspiel von Allergen und Belastungssituationen auf“, sagt Dr. Müller. Anhand der Rezepte testen die Ärzte alle Zutaten einzeln. Doch Fleischallergien sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher nachgewiesen und die üblichen Allergietests mittels einer Fleischlösung bleiben negativ.

Doch Berichte über allergische Reaktionen auf rotes Fleisch, etwa von Schweinen und Rindern, häufen sich in den letzten 10 Jahren auch im Süden der USA. Auf die richtige Spur kommen die Forscher aber erst, weil zeitgleich eine Gruppe von Krebspatienten allergisch auf ein neues Medikament reagiert. Nach langer Suche stellen sie fest, dass nur solche Personen betroffen sind, die zuvor einmal von einer Zecke gebissen wurden. Die Zecken übertragen bei ihrem Biss einen Teil ihres Speichels und damit auch einen Zucker namens Alpha-Galaktosidase. Dieser Zucker kommt in dem Krebsmedikament vor und auf Säugetierfleisch. Ein Bluttest wird entwickelt, der Antikörper gegen den Zucker nachweist. „Der neue Test kam für unseren Patienten gerade zur rechten Zeit. Damit konnten wir bei ihm eindeutig eine Fleischallergie diagnostizieren“, sagt die Ärztin. Dass sich Michael Huber an keinen Zeckenbiss erinnern kann, besagt nichts. „Zeckenbisse werden oft nicht bemerkt, wenn sie keine Hautrötungen verursachen“, sagt Dr. Müller.

Doch Michael Huber ist noch nicht überzeugt. Er isst Fleisch sehr gerne und möchte nicht darauf verzichten. Die Ärzte schlagen ihm einen Provokationstest vor. Unter Aufsicht verzehrt er ein eigens dafür zubereitetes Stück Rindfleisch und fährt danach auf dem Fahrrad-Ergometer – ohne Reaktion. Auch nach dem Verzehr von Schweinefleisch bei gleichzeitiger Belastung passiert nichts. In einem dritten Test isst er gebratene Schweineniere. Denn Innereien sind besonders reich an dem verdächtigen Zucker. Tatsächlich bricht der Patient schon kurz nach dem Verzehr zusammen. Die anwesenden Ärzte spritzen ihm sofort Antihistaminika, Cortison und Adrenalin gegen den allergischen Schock.

Nach diesem Test fällt dem Patienten die Ernährungsumstellung nicht mehr schwer. „Die gute Nachricht für Patienten mit Fleischallergie ist, dass sie Geflügel und Fisch bedenkenlos essen können. Die schlechte Nachricht ist, dass man sich zurzeit nicht desensibilisieren lassen kann“, sagt Dr. Müller. Neben Fleisch müssen die Betroffenen auch Gelatine und manche Medikamente meiden, in denen der Zucker vorkommt. Eine detaillierte Absprache mit dem behandelnden Arzt ist deshalb sehr wichtig. Bei Michael Huber zeigt die Empfehlung der Ärzte Wirkung. Seit der konsequenten Umstellung ist er anfallsfrei – und damit ist auch die Freude am Essen zurückgekehrt.

* Name von der Redaktion geändert

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