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Wir überwinden Grenzen

Rätselhafte Schwellungen an Beinen und Po

Allergologie

(20.07.2016) Peter Fischer* leidet schon seit einem Jahr immer wieder unter handtellergroßen, sehr schmerzhaften Schwellungen. Hauptsächlich an den Oberschenkeln, Unterarmen und dem Gesäß treten sie auf und jucken so sehr, dass Fischer sich ständig kratzen möchte. Gelegentlich bilden sich sogar kleine Bläschen auf den Schwellungen. Fischer ist schon bei verschiedensten Ärzten gewesen, bevor er in die Ambulanz der Klinik für Dermatologie und Venerologie des Universitätsklinikums Freiburg kommt.

Die Schwellungen tun mittlerweile so weh, dass Fischer nicht einmal mehr für längere Zeit sitzen kann und seit mehreren Monaten von seinem Bürojob krankgeschrieben ist. Sogar die Frührente wird bei dem Ende 50-Jährigen erwogen, was den Mann zusätzlich belastet. Eine Antibiotika-Therapie gegen eine mögliche bakterielle Infektion bleibt ohne Erfolg. Ab und zu bilden sich außerdem auf Fischers Haut Quaddeln, die ähnlich wie Mückenstiche aussehen. Sie lassen die Ärzte aufhorchen. Könnte es einen Zusammenhang zwischen den großflächigen Schwellungen und den punktuellen Hauterhebungen geben?

Die Ärzte überweisen den Patienten an die Allergologie-Ambulanz der Hautklinik. „Die Quaddeln sind ein typisches Zeichen für eine Urtikaria, auch Nesselsucht genannt“, sagt Dr. Sabine Müller, Funktionsoberärztin an der Klinik für Dermatologie und Venerologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Aber die Bläschen passten nicht so recht ins Bild.“

Die Nesselsucht ist eine der häufigsten Hauterkrankungen. Etwa jeder Vierte erkrankt mindestens einmal im Leben daran. Doch die Ursachen zu finden – und damit auch die kausale Behandlung – ist schwierig. Die Symptome umfassen oft Hautausschläge, Quaddeln und Juckreiz. Auch die Ursachen sind sehr vielfältig. Unverträglichkeiten gegen Lebensmittelzusatzstoffe, bakterielle oder Virusinfektionen, aber auch physikalische Reize wie Druck, Kälte und Licht können die Symptome verursachen. All dies führt dazu, dass Mastzellen in der Haut ihren Botenstoff Histamin ausschütten. Dieser führt zu Juckreiz, erweitert die Blutgefäße und es kommt zu Schwellungen und Rötungen in der Haut.

Bei Peter Fischer werden die Ärzte hellhörig, als der Patient erzählt, dass die Schwellungen dann besonders schlimm sind, wenn er längere Zeit am Schreibtisch gesessen hat. Dort also, wo Druck auf die Haut wirkte, zeigen sich auch die Schwellungen. Um das zu überprüfen, wird Fischer für zehn Minuten ein zehn Kilogramm schweres Gewicht an einem Riemen über die Schulter gehängt. Dann nimmt es Dr. Müller ab und kontrolliert mehrere Stunden lang die Haut. Lange geschieht gar nichts. „Erst sechs Stunden nach der Belastung entwickelte sich eine Schwellung, die genauso aussah, wie die an Armen, Beinen und Po“, sagt Dr. Müller. Damit ist klar, dass es sich um eine verzögerte druckabhängige Nesselsucht handelt. „Die Bläschen sind offenbar Folge einer ausgeprägten Schwellung bei extrem starken Nesselsucht“, sagt Dr. Müller.

Sofort wird mit der üblichen Therapie bei Druckurtikaria begonnen, allerdings ohne großen Erfolg. Gleichzeitig wird nun auch seine spontane Nesselsucht, die Quaddeln, stärker. Doch das ist für Peter Fischer Glück im Unglück. Denn gegen diese Form dürfen die Ärzte eine Antikörper-Therapie einsetzen, die bei der Druck-Nesselsucht nicht zugelassen ist. Die Antikörper verhindern, dass die Mastzellen zu stark aktiviert werden und damit die Nesselsucht verursachen.

Schon nach einer Woche ist der Patient komplett beschwerdefrei. Die Antikörper müssen fortan alle vier Wochen unter die Haut gespritzt werden. Sobald das nicht mehr geschieht, kehrt auch die Krankheit zurück. Aber Peter Fischer kann sehr gut mit dieser Einschränkung leben. Er ist mittlerweile wieder in seinen Beruf eingegliedert und hat mehrere Fernreisen unternommen. Seine Krankheit kann ihn jetzt nicht mehr aufhalten.

* Name von der Redaktion geändert

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