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Wir überwinden Grenzen

Gefäßoperation nach hysterischem Anfall

Notfallmedizin

(23.09.2016) Es war ein heftiger, aber gewaltloser Streit, den Julia F.* an diesem Tag mit ihrem Freund ausgetragen hatte. Als die 29-jährige Medizinstudentin in den Stunden danach von immer stärkerer Unruhe erfasst wurde und ein Kribbeln in Händen und Füßen spürte, beschloss sie, sich in der Notaufnahme des Universitätsklinikums Freiburg vorzustellen. „Sie selbst vermutete einen Nervenzusammenbruch oder einen hysterischen Anfall“, sagt PD Dr. Hans-Jörg Busch, Ärztlicher Leiter Medizin des Universitäts-Notfallzentrums am Universitätsklinikum Freiburg. „Dazu passte, dass Puls und Atemfrequenz der Patientin deutlich erhöht waren und sie keine Schmerzen angab“, sagt der Notfall-Mediziner.

Funktioniert der Gasaustausch in Lunge und Blut normal, wie dies bei psychischen Ursachen des Hyperventilierens wie Panikattacken der Fall ist, wird zu viel Kohlendioxid abgeatmet. Der geringe Kohlendioxid-Gehalt im Blut signalisiert dem Körper im Umkehrschluss eine sehr gute Sauerstoffversorgung. Es kommt zu einer Verschiebung der Elektrolyte, auch Blutsalze genannt, und damit zur Übererregbarkeit des Nervensystems und der Muskulatur mit typischem Kribbeln und Pfötchenstellung. „In diesen Fällen ist es die wirksamste Erste-Hilfe-Maßnahme, wenn die Betroffenen einige Male in eine Tüte atmen. Dadurch wird weniger Kohlendioxid abgeatmet und der Teufelskreis wird durchbrochen“, erklärt Dr. Busch.

Doch bei der Patientin sank die Atemfrequenz dadurch nicht. Die Analyse der Blutprobe irritierte die Ärzte zusätzlich. „Die Lactatwerte waren deutlich erhöht. Das passiert zum Beispiel im Sport, wenn der Muskel nicht mit genug Sauerstoff versorgt wird. Das Hyperventilieren sollte aber den gegenteiligen Effekt haben“, sagt Dr. Busch. Die Frau war mittlerweile blass, die Lippen waren leicht lila verfärbt und die Hände wiesen eine fleckige Färbung auf. „Die Blutwerte und die körperlichen Veränderungen widersprachen einer psychischen Ursache und deuteten klar auf ein körperliches Problem wie einen gestörten Gasaustausch in der Lunge oder eine mangelhafte Blutzirkulation hin“, sagt Notfallmediziner Dr. Busch.

Als die Patientin aufgrund eines Beruhigungsmittels schließlich einer ausführlichen körperlichen Untersuchung zugänglich war, ließ sich weder an Armen noch Beinen der Puls fühlen. Mit einem speziellen Ultraschall-Gerät untersuchte das Team um Dr. Busch den Bereich rund ums Herz. „Dabei entdeckten wir, dass die Hauptschlagader  im Bereich des Herzens deutlich geweitet war. Wir hatten den hochgradigen Verdacht, dass die Hauptschlagader eingerissen war, eine sogenannte Aortendissektion. Im Computertomogramm, das sofort veranlasst wurde, konnten wir sehen, dass die Hauptschlagader auf einer Länge von mehreren Zentimetern eingerissen war und das Blut in die Zwischenwand der Arterie floss“, sagt Dr. Busch.

Eine solche Aortendissektion ist lebensgefährlich, da die Arterienwand jederzeit ganz aufreißen kann. Eine Unterversorgung des Gehirns und schwerste innere Blutungen wären die Folge. „Das ist ein absoluter Notfall, der ein gut eingespieltes interdisziplinäres Team zur Versorgung braucht“, sagt Notfallmediziner Dr. Busch. Noch am selben Tag wurde Julia F. operiert. In einer mehrstündigen Operation ersetzten Herzchirurgen die geschädigte Hauptschlagader der Patientin durch einen künstlichen Gewebeschlauch.

Wichtigster Hinweis auf eine Aortendissektion ist ein plötzlich einsetzender, starker Schmerz im Brustbereich, der oft als stechend empfunden wird und sogar zur Bewusstlosigkeit führen kann. „Es gibt aber immer wieder Menschen wie unsere Patientin, die diesen Schmerz nicht empfinden. Warum das so ist, ist unbekannt“, sagt Dr. Busch. Die Betroffenen können auch unter Luftnot, Schmerzen in Armen oder Beinen und Lähmungserscheinungen leiden. 

Knapp drei Wochen später durfte Julia F. das Universitätsklinikum Freiburg wieder verlassen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Mutter der Patientin im ebenfalls frühen Alter von 40 Jahren einen ähnlichen Aorten-Einriss erlitten hatte. „Warum die Patientin nicht unter den eigentlich typischen stechenden Schmerzen in der Brust litt, wissen wir nicht eindeutig, gegebenenfalls könnte es an einer Schwäche des Bindegewebes liegen“, sagt Dr. Busch. Bei einer Nachuntersuchung einige Wochen später hatte sich Julia F. bereits gut erholt. Und auch psychische Beschwerden sind seither nicht mehr aufgetreten.

* Name von der Redaktion geändert

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