Panikattacken: Wenn der Körper Alarm schlägt
Psychiatrie und Psychotherapie(08.06.2026) Plötzlich rast das Herz, die Atmung wird flach, der Körper gerät außer Kontrolle. Viele Betroffene fürchten in diesem Moment einen Herzinfarkt – dabei steckt häufig eine Panikattacke dahinter. Was im Akutfall hilft, erklärt eine Expertin.
„Die Symptome sind so intensiv, dass Betroffene in dem Moment glauben, sie verlieren die Kontrolle oder sterben“, sagt Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Panikattacken kommen meist plötzlich, oft ohne erkennbaren Auslöser – und fühlen sich dennoch höchst real und bedrohlich an. Doch was genau passiert dabei im Körper? Und warum ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen oft so schwierig?

Bei einer Panikattacke kann es helfen, langsam und bewusst ein- und auszuatmen. ©Universitätsklinikum Freiburg/Britt Schilling
Warum der Körper falsch reagiert
Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Panikreaktion sinnvoll: Sie versetzt den Menschen blitzschnell in die Lage zu fliehen oder zu kämpfen. Bei einer Panikattacke jedoch wird dieses Alarmsystem ohne reale Gefahr aktiviert. Forschende gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenkommen.
Eine erhöhte Empfindlichkeit im Angstnetzwerk des Gehirns, genetische Veranlagung und psychische Belastungen wie Stress oder einschneidende Lebensereignisse erhöhen die Anfälligkeit. „Es ist selten ein einzelner Auslöser – meist greifen mehrere Faktoren ineinander“, sagt Domschke.
Wenn Angst den Körper überrollt
Eine Panikattacke ist eine akute Alarmreaktion von Körper und Psyche. Innerhalb weniger Minuten schaltet der Organismus in einen Stressmodus: Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flach, die Muskulatur spannt sich an. Zittern, Schweißausbrüche, Schwindel oder ein beklemmendes Gefühl in der Brust sind typisch.
Hinzu kommen psychische Symptome wie intensive Angst, das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, oder ausgeprägte Todesangst. Manche Betroffene erleben zudem eine Entfremdung von sich selbst oder ihrer Umgebung.
„Die Symptome sind extrem, aber medizinisch in der Regel ungefährlich“, erklärt Domschke. Panikattacken seien selbstlimitierend. Das heißt, die Symptome klingen ab, da der Körper diesen Zustand nicht dauerhaft aufrechterhalten kann.
Stress, Lebensphase und hormonelle Veränderungen
Panikattacken treten häufig erstmals im jungen Erwachsenenalter auf – können sich aber auch in späteren Lebensphasen entwickeln. Besonders Phasen erhöhter Belastung, beruflicher Druck, familiäre Verantwortung oder hormonelle Veränderungen – etwa in den Wechseljahren – können die Anfälligkeit erhöhen.
„Gerade im mittleren Lebensalter kommen oft mehrere Belastungsfaktoren zusammen“, sagt Domschke. „Das kann das ohnehin empfindliche Stresssystem zusätzlich fordern.“
Für Betroffene kann es entlastend sein zu wissen: Eine Panikattacke ist kein Zeichen von Schwäche – sondern eine Stressreaktion des Körpers, die ernst genommen werden sollte und gut behandelbar ist.
Diese Erkrankungen können ähnliche Symptome verursachen
Gerade weil Panikattacken so viele körperliche Symptome hervorrufen, werden sie häufig mit anderen Erkrankungen verwechselt. Tatsächlich gibt es eine Reihe von medizinischen Ursachen, die sehr ähnliche Beschwerden auslösen können.
Dazu zählen unter anderem Stoffwechselentgleisungen wie eine Unter- oder Überzuckerung, hormonelle Störungen der Schilddrüse, asthmatische Beschwerden oder schwere allergische Reaktionen. Auch Herzrhythmusstörungen oder andere kardiologische Erkrankungen können mit Herzrasen, Atemnot und Schwindel einhergehen.
„Genau das macht Panikattacken so tückisch“, sagt Domschke. „Die Symptome sind unspezifisch und überschneiden sich stark mit körperlichen Erkrankungen.“ Deshalb sollte insbesondere bei der ersten Attacke ärztlich abgeklärt werden, ob die Beschwerden auf eine andere Erkrankung oder Funktionsstörung von Organen zurückzuführen sind.
Auch weitere Risikofaktoren wie der Konsum von Koffein, Nikotin oder Cannabis- bzw. sonstigen Drogen spielen eine Rolle.
Herzinfarkt oder Panikattacke?
Die größte Angst vieler Betroffener ist der Gedanke an einen Herzinfarkt. Und tatsächlich ähneln sich die Symptome: Brustschmerzen, Atemnot, Übelkeit, Erschöpfung, Schwindel und Angst treten bei beiden Ereignissen auf. Es gibt jedoch Hinweise, die Ärzt*innen zur Unterscheidung heranziehen. Entscheidend ist unter anderem die Art des Schmerzes. Für medizinische Laien sei diese Einschätzung jedoch kaum möglich.
Deshalb betont die Expertin: „Im Zweifel gilt immer: Notruf 112 wählen! Das ist kein Fehlalarm, sondern verantwortungsvolles Handeln.“
Zur groben Orientierung – keine Selbstdiagnose:
Hinweise auf eine Panikattacke können sein:
- Die Beschwerden beginnen plötzlich und erreichen rasch ihren Höhepunkt.
- Starkes Herzklopfen geht mit intensiver Angst oder Todesangst einher.
- Kribbeln in Händen oder Gesicht tritt auf.
- Die Symptome klingen nach 10 bis 30 Minuten langsam wieder ab.
Hinweise auf einen Herzinfarkt können sein:
- Anhaltender, starker Druck- oder Enge-Schmerz in der Brust.
- Ausstrahlung des Schmerzes in Arm, Rücken, Kiefer oder Oberbauch.
- Kalter Schweiß, ausgeprägte Schwäche, Übelkeit.
- Beschwerden bessern sich nicht von selbst.
Wichtig: Diese Hinweise ersetzen keine ärztliche Diagnose.
Wann aus Panik eine Erkrankung wird
Etwa jeder fünfte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens mindestens eine Panikattacke. Eine einzelne Attacke ist keine psychische Erkrankung. Problematisch wird es, wenn die Attacken immer wieder aus heiterem Himmel auftreten, die Angst vor der nächsten Attacke den Alltag bestimmt und Betroffene beginnen, Situationen zu vermeiden.
Dann kann sich eine Panikstörung entwickeln, die die Lebensqualität erheblich einschränkt. In diesen Fällen raten Expert*innen zu einer psychotherapeutischen Behandlung, häufig in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie, und manchmal auch gut verträglichen Medikamenten. „Es geht nicht darum, angstfrei zu werden“, sagt Domschke. „Sondern darum, zu lernen, dass Angst bewältigbar ist.“
Panik: So handeln Sie im Notfall richtig
Im Akutfall gilt immer: Lieber einmal zu viel als zu wenig ärztlich abklären lassen.
Bei unklaren oder starken Beschwerden sollten Betroffene den Notruf 112 wählen oder sich umgehend medizinisch vorstellen.
5 Sofortmaßnahmen bei Panikattacken
- Atemkontrolle: Tief in den Bauch einatmen, kurz anhalten und zum Beispiel nach der 4-7-8-Technik deutlich länger ausatmen, um den Herzschlag zu beruhigen.
- Kältereiz: Eiskaltes Wasser ins Gesicht spritzen, Eiswürfel in die Hand nehmen oder Kaugummi mit starkem Geschmack kauen.
- Erdung (5-4-3-2-1 Methode): Konzentrieren Sie sich auf 5 Dinge, die Sie sehen, 4, die Sie fühlen, 3, die Sie hören, 2, die Sie riechen, und 1 Sache, die Sie schmecken.
- Muskelentspannung: Fäuste fest ballen, kurz halten, dann bewusst loslassen.
- Akzeptanz: Nicht gegen die Panik ankämpfen, sondern sie als vorübergehenden Zustand zulassen.
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