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Wir überwinden Grenzen

Rettung nach 20 Minuten unter Wasser

Intensivmedizin

(28.10.2016) Ein junger Mann sackt beim Baden im Rhein plötzlich in sich zusammen und sinkt auf den Grund des Flusses. Erst nach 20 Minuten wird er an die Wasseroberfläche geholt und nach weiteren zehn Minuten Reanimation beginnt sein Herz wieder zu schlagen. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt er nicht nur, sondern hat nur minimale Folgeschäden. Intensivmediziner des Universitätsklinikums Freiburg waren daran wesentlich beteiligt.

Es ist der heißeste Tag des Jahres 2016 in Konstanz, als eine Gruppe junger Erwachsener beschließt, im Rhein schwimmen zu gehen. Doch plötzlich sackt der 19-Jährige Abdul A.* in sich zusammen und sinkt an den Grund des Flusses. Sofort rufen seine Begleiter die Rettungskräfte, unter denen sich auch Taucher der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V.) befinden. Diese entdecken den jungen Mann in acht Metern Tiefe. 20 Minuten nach dem Unfall kann Abdul A. geborgen werden. Nach zehn Minuten Reanimation beginnt sein Herz zu schlagen.

Zehn Minuten ohne Sauerstoff überlebt nur jeder Zehnte

30 Minuten sind für eine aufwendige Wasserrettung sehr schnell, aber ein so lange dauernder Sauerstoffmangel ist meist tödlich. Schon einen zehn-minütigen Herzstillstand überlebt im Schnitt nur jeder Zehnte. Nach 25 Minuten gibt es meist kaum mehr Hoffnung. Überleben Betroffene den Unfall dennoch, leiden sie meist ein Leben lang an schweren Hirnschäden.

488 Menschen ertranken im Jahr 2015 in Deutschland, ein Höchstwert der vergangenen acht Jahre. Bei Kindern unter fünf Jahren stellt Ertrinken sogar die zweithäufigste Todesursache dar.

Natürliche Unterkühlung als Lebensretter

„Das große Glück des Patienten war vermutlich, dass das Wasser in der Tiefe 19 Grad Celsius kalt war und seine Körpertemperatur auf 32 Grad abgekühlt hat“, sagt Dr. Johannes Kalbhenn, Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. Dass eine leichte Unterkühlung in Notfällen lebensrettend ist, wissen Ärzte schon länger. Am Universitätsklinikum Freiburg werden darum in der Intensivtherapie gezielt Kühlwesten eingesetzt, mit denen die Körpertemperatur von knapp 37 Grad auf 36 Grad bis 33 Grad reduziert wird. Hypothermie wird das Verfahren genannt.

Hypothermie als Mittel in der Intensiv-Medizin

„Diesen Effekt nutzen wir auch bei großen Operationen an der Hauptschlagader, indem wir zunächst den Patienten langsam herunter kühlen und erst dann die Blutversorgung des Gehirns für einige Zeit unterbrechen. Die Zellen treten dann in eine Art Winterschlaf ein“, erklärt Dr. Kalbhenn. Unter 30 Grad Körpertemperatur wird aber die Unterkühlung selbst lebensgefährlich. „Bei dem Patienten lag die Körpertemperatur genau im richtigen Bereich“, sagt Dr. Peter Stachon, Internist auf der Intensiv-Station der Klinik für Innere Medizin des Universitätsklinikums Freiburg.

Als Abdul A. in das Konstanzer Klinikums eingeliefert wird, erkennen die dortigen Ärzte schnell, dass der Patient kurz vor einem Lungenversagen steht. Darum fordern sie Unterstützung durch Experten des Zentrums für invasiven Lungenersatz am Universitätsklinikums Freiburg.

Ist eine Beatmung über die Lunge nicht möglich, kann ECMO helfen

Lässt sich der Patient nicht über die Lunge beatmen, haben die Freiburger Ärzte noch eine letzte Option: Extrakorporale Membranoxygenierung, kurz ECMO. Bei dem Verfahren wird das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff anreichert, ihm Kohlendioxid entzogen und dann wieder ins Herz eingeleitet. In Freiburg, an einem der ersten und größten ECMO-Zentren in Deutschland, ist 24 Stunden am Tag ein Einsatzteam aus Kardiologen, Anästhesisten und Kardiotechnikern verfügbar. Mehrere hundert Patienten wurden von dem speziell geschulten Team bereits behandelt.

Nur eine Stunde nach der Alarmierung sind die Freiburger Ärzte per Hubschrauber in Konstanz. „Die ECMO-Implantation von Dr. Stachon und mir kam in letzter Minute, der Patient war praktisch nicht mehr normal über die Lunge zu beatmen“, sagt der Anästhesist Dr. Kalbhenn. Der riskante Eingriff und die Sauerstoffversorgung sind erfolgreich. In einem eigens ausgestatteten ECMO-Mobil des Universitätsklinikums Freiburg bringen die Ärzte Abdul A. nach Freiburg.

Nach zehn Tagen kann der Patient wieder sprechen

16 Stunden nach dem Unfall gelingt es den Ärzten schließlich, dass der Patient eine normale Sauerstoffversorgung aufweist. Schon fünf Tage später können sie das ECMO-System entfernen und nach weiteren fünf Tagen die künstliche Beatmung über die Lunge beenden. Auch dank der umfassenden Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger der Intensivstation verbessert sich die Situation des Patienten zügig. Als Abdul A. aus dem Koma erwacht, ist er in einem wesentlich besseren Zustand als erwartet. Direkt nach dem Aufwachen kann er sprechen, sogar auf Deutsch, was nicht seine Muttersprache ist.

Glück, gute Kondition und eine optimale Versorgung

Einige Wochen später wird er in eine Jugendeinrichtung zur Rehabilitation verlegt. Nach drei Monaten ist der Patient nahezu vollständig genesen, er läuft, spricht mit seinen Freunden und darf demnächst wieder zurück in seine alte Wohnsituation. Lediglich die Freunde berichten, dass er etwas langsamer spricht als früher.

„Der Patient hat von der sehr guten Versorgung durch die Konstanzer Ärzte und von seiner sehr guten körperlichen Verfassung profitiert“, sagt der Internist Dr. Stachon. Und der Anästhesist Dr. Kalbhenn ergänzt: „Das Beispiel zeigt, dass sich eine ECMO-Therapie selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen lohnen kann. Aber der Patient hat auch sehr viel Glück gehabt.“

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