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Klinik für Plastische und Handchirurgie

Ohrwiederherstellung bei stark fehlgeformten oder fehlenden Ohren

(Ohrrekonstruktion bei Mikrotie)

Allgemeines

Fehlbildungen des Ohres (Mikrotie) treten bei etwa 0.76 – 2.35 auf 10000 Geburten in unterschiedlicher Ausprägung auf - vom einfachen abstehenden Ohr bis hin zum vollkommenen Fehlen des äußeren Ohres. Stark fehlgeformte Ohren bzw. fehlende Ohren kommen häufiger beim männlichen Geschlecht (m : w = 2:1) und häufiger rechtsseitig (re : li = 2:1) vor. In 10-20% der Fälle zeigt sich eine beidseitige Fehlbildung. Unter Umständen werden die Ohrfehlbildungen begleitet von weiteren Fehlbildungen des Gesichtes (z.B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Lähmungen des Gesichtsnerven) oder der Extremitäten (z.B. Syndaktylien).

Wie kommt es zur Ohrfehlbildung?

Eine genaue Erklärung, wie es zu fehlgebildeten Ohren kommt, gibt es bis heute nicht. Jedoch weiß man, dass es in den ersten 4 Monaten der Schwangerschaft während der normalen Entwicklung und Formung des Ohres zu Störungen kommt.

In welchem Alter sollte die Ohrrekonstruktion durchgeführt werden?

Die Entscheidung bezüglich des Zeitpunktes der Operation muss mehrere Faktoren berücksichtigen. Zum einen die Reife des Ohres. Hierunter versteht man den Zeitpunkt, an dem das Wachstum des gesunden gegenseitigen Ohrs nahezu abgeschlossen ist. In der Regel ist dies ab dem 5. Lebensjahr der Fall. Jedoch ist für die Rekonstruktion mit eigenem Rippenknorpel ein ausreichender Brustkorbumfang Voraussetzung, weswegen typischerweise Eingriffe im Alter zwischen 6 und 10 Jahren erfolgen. Eingriffe zu jedem späteren Zeitpunkt im Leben sind selbstverständlich möglich. Ein weiterer Aspekt für die Entscheidung des Operationszeitpunktes sind die psychosozialen Bedingungen. Kommt es aufgrund der Fehlbildung zu starker psychischer Belastung durch das soziale Umfeld (Kindergarten, Schule, Freizeit), dann ist unter Umständen ein früher Operationszeitpunkt zu bevorzugen.

Welche Möglichkeiten der Ohrrekonstruktion gibt es?

Die Ohrfehlbildungen (Mikrotie) werden in drei Schweregrade eingeteilt:



Grad 1 

Das Ohr ist nur leicht fehlgebildet, die wesentlichen Strukturen des äußeren Ohres sind jedoch vorhanden. Zu dieser Form der Fehlbildung zählen auch die sog. „abstehenden Ohren“. Durch Anwendung von Operationstechniken, die eine Umformung des Knorpelgerüstes ermöglichen, können diese Fehlbildungen in der Regel einfach behoben werden. (siehe auch „Therapie abstehender Ohren“)

Grad 2 

Hier ist die Fehlbildung ausgeprägter. Es sind nur wenige Bestandteile des Ohres vorhanden und oftmals wenig geformt. In diesen Fällen bedarf es der Wiederherstellung der fehlenden und fehlgeformten Ohrbestandteile unter Verwendung von Rippenknorpel.

Grad 3 

Die Strukturen eines normalen Ohres fehlen vollkommen. In manchen Fällen ist lediglich ein Knorpel-Haut Anhang vorhanden. In diesen Fällen wird eine Wiederherstellung des gesamten knorpeligen Gerüsts des Ohres unter Verwendung von Hauttransplantaten und / oder Gewebe vom Kopf notwendig.

Grad 3 Fehlbildungen können mit Fehlanlagen des Mittelohres vergesellschaftet sein, was mit Schalleitungs- oder Schallempfindungsschwerhörigkeit einhergeht. Seltener sind zusätzlich vorhandene Innenohrfehlbildungen vorhanden.

Welche Operationtechniken werden angewendet?

Prinzipiell kann eine Wiederherstellung des Ohres durch Eigengewebe von der Wiederherstellung mit Verwendung von Kunstmaterial (z.B. Polyethylen Medpor®) unterschieden werden. In unserer Klinik verzichten wir bewusst auf die Verwendung eines Ohrgerüsts aus Polyethylen. Gründe hierfür sind, dass die Ohrgerüste vorgefertigt sind und somit eine individuelle Anpassung der Ohrform an die gesunde Gegenseite nicht möglich ist. Der wesentlichere Grund ist jedoch, dass mit der Verwendung von Polyethylengerüsten das Risiko einer Infektion mit Hervortreten des Fremdmaterials hoch ist. Dies macht dann die Entfernung des Fremdmaterials notwendig. Neue Studien zeigen, dass man dieses Risiko minimieren kann, indem man immer Gewebe von unterhalb der haartragenden Kopfhaut hebt (temporoparietaler Faszienlappen = an der A. temporalis gestieltes Fasziengewebe) und über das Gerüst legt. Dies geht jedoch immer mit einem Risiko für sichtbare Narben am Kopf einher. Darüberhinaus fehlen aktuell Langzeitdaten, die belegen, dass diese Gerüste über Jahre hinweg vom Körper toleriert werden.

In unserer Klinik erfolgt die Ohrwiederherstellung unter Verwendung von eigenem Rippenknorpel und Hauttransplantaten. Diese Technik basiert auf den Vorarbeiten der Pioniere der Ohrrekonstruktion Tanzer, Brent, Nagata und vor allem Françoise Firmin. Mit Madame Firmin verbindet uns eine langjährige Zusammenarbeit und fachlicher Austausch.

Wie erfolgt die Ohrrekonstruktion?

Die Rekonstruktion erfolgt meist in meist in zwei Operationsschritten.

Im ersten Eingriff wird mittels einer Schablone die Form des gesunden gegenseitigen Ohres erfasst und zur Planung des zu rekonstruierenden Ohres verwendet. Nun erfolgt die Entnahme der knorpeligen Anteile der 6., 7., 8. und 9. Rippe durch einen kurzen Schnitt am Brustkorb. Aus dem entnommenen Rippenknorpelstücken wird sorgfältig und präzise ein dreidimensionales Ohrgerüst konstruiert, welches eine möglichst naturgetreue Rekonstruktion des Ohres ermöglicht. Dies ist mit Sicherheit der wichtigste Schritt in der Rekonstruktion, der die meiste Erfahrung erfordert und für den die meiste Zeit im ersten Eingriff verwendet wird. Es folgt dann die Vorbereitung der Haut-Weichteiltasche, in die das rekonstruierte Ohrgerüst eingebracht wird. Zuvor sind sämtliche fehlgebildeten Knorpelanteile zu entfernen. Bei stark vernarbter Haut aufgrund vorheriger Eingriffe kann die Verwendung eines temporoparietalen Faszienlappens notwendig werden. Im zweiten, deutlich kürzeren Operationsschritt wird das Ohr „abgelegt“. Dieser Eingriff erfolgt frühestens nach sechs Monaten. Hierzu wird das Ohr an der Rückseite frei präpariert und ein Knorpelkeil wird eingelegt. Es folgt dann die Bedeckung durch sog. Spalthaut (oberflächlicher Anteil der Haut, Entnahme erfolgt narbenfrei von der haartragenden Kopfhaut)

Spezialsprechstunde

Freitag 13.00 - 14.00 Uhr

Anmeldung: 0761 270 - 27790